Forschung

Neue Mücken, neue Krankheiten?

Exotische Mücken werden in Deutschland zunehmend heimisch. Damit könnten sie auch neue Krankheiten einschleppen. Dem gehen Forscher nun auf den Grund.

Von Martina Rathke Veröffentlicht:
Insektenforscher Helge Kampen im sogenannten "Insektarium" des FLI auf der Insel Riems.

Insektenforscher Helge Kampen im sogenannten "Insektarium" des FLI auf der Insel Riems.

© Stefan Sauer/dpa

GREIFSWALD/INSEL RIEMS. Die in Deutschland beheimatete Gemeine Hausmücke Culex pipiens hat Konkurrenz aus Asien bekommen. "Die Asiatische Buschmücke hat sich inzwischen in Deutschland etabliert. Wir sind uns sicher, dass sie hier überwintert", bilanziert der Insektenforscher Helge Kampen vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Ostseeinsel Riems.

Das FLI ist das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Erstmals war die Asiatische Buschmücke 2008 in Süddeutschland entdeckt worden, später vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Auch in diesem Jahr konnten die FLI-Wissenschaftler das Insekt in Nordrhein-Westfalen nachweisen.

Unter den 50 heimischen Arten wurde Aedes japonicus - so ihr lateinischer Name - als erste einst exotische Stechmückenart in den Katalog der in Deutschland lebenden Mücken aufgenommen. "Die Bekämpfung der Buschmücke macht keinen Sinn mehr, sie hat sich zu weit in Deutschland ausgebreitet", sagt Kampen.

In einem neuen Sicherheitslabor nehmen die FLI-Wissenschaftler die Asiatische Buschmücke wie auch heimische Mückenarten genauer ins Visier. Vor zwei Monaten starteten die Entomologen in dem mit Luftschleusen gesicherten "Insektarium" erste Zuchtversuche des Exoten.

In gazebespannten Boxen und bei Idealbedingungen - mindestens 70 Prozent Luftfeuchtigkeit und 24 Grad Raumtemperatur - sollen sich männliche und weibliche Buschmücken zunächst zur Befruchtung treffen.

Das ist nicht ganz einfach, da Mücken in der freien Natur Kopulationsschwärme bilden. Gelingt die Zucht, wollen die Biologen und Insektenforscher Ende 2014 erste Infektionsversuche starten, um das Übertragungspotenzial zu erforschen.

Tigermücke in Deutschland

Die Asiatische Buschmücke hat es in sich: Die Mücke mit den geringelten Mustern an den Beinen kann möglicherweise bislang in Deutschland nicht auftretende Krankheiten wie das West-Nil-Fieber, das Dengue-Fieber oder das Chikungunya-Fieber übertragen.

Mit dem Klimawandel und dem globalisierten Handel dringen immer mehr Exoten-Mücken nach Mitteleuropa vor. Auch die aggressive Asiatische Tigermücke wurde in Deutschland gesichtet. Dass sie sich ebenso wie die Asiatische Buschmücke hier etablieren wird, ist für die Forscher nur eine Frage der Zeit.

Angesichts wärmerer Temperaturen könnten aber auch heimische Mückenarten Überträger bislang hier nicht bekannter Krankheitserreger werden, sagt Stefanie Becker, Leiterin des FLI-Instituts für Infektionsmedizin.

"Jedes Virus hat eine Temperaturspanne, unter denen es sich besonders gut entwickelt." Dass Mücken Krankheiten übertragen, spricht für die Gewieftheit bestimmter Erreger. "Es ist schlau von dem Virus, mit den Mücken einen Zwischenwirt zu haben, der selbst nicht erkrankt", sagt Becker.

Schon lange gibt es in Europa Viren, die durch heimische Stechmücken auf den Menschen übertragen werden, darunter das Sindbis-Virus, das Tahyna-Virus oder das Batai-Virus. Die Infektionen sind in der Regel nicht schwerwiegend und gehen meist mit leichten Symptomen einer Sommergrippe einher.

"Nach der Ausrottung der Malaria in Deutschland verschwand das Interesse an der Mückenforschung, bis 2006 an der Blauzungenkrankheit Tausende Rinder und Schafe starben", sagt Thomas Mettenleiter vom Bundesforschungsinstitut. Der durch die Seuche verursachte volkswirtschaftliche Schaden wird in Deutschland auf 200 Millionen Euro geschätzt.

Für die Tierseuchenforscher auf der Insel Riems rücken vor allem solche exotischen, von Mücken übertragbare Erreger in den Blick, die neben Menschen auch Nutztieren wie Rinder, Schafe, Pferde oder Geflügel gefährlich werden können.

Dazu zählen das Rifttal-Fieber-Virus oder das Japanische Enzephalitis-Virus. Auch das ursprünglich in Afrika beheimatete Usutu-Virus wird von Stechmücken übertragen. (dpa)

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Kommentare
Dr. Horst Grünwoldt 17.06.201412:32 Uhr

Schreckgespenster

Daß auch Mücken (Diptera)sich geringfügig territorial aufgrund von Klimazonen-Verschiebungen ausbreiten können, dürfte sicher sein.
Die Aussage von Frau Dr. Stefanie Becker -Leiterin des Instituts für Ifektionsmedizin vom FLI-, daß ein Virus angeblich "schlau" und "gewieft" sei, sich einen Zwischenwirt zu "suchen", dürfte absurd sein und ist nach m.E. absolut unseriös für eine Wissenschaftlerin! Diese wiederholt aufzeigbare Schreckgespenst-Sprache von Infektiologen sollte von uns allen endlich "ausgerottet" werden!
Den Viruspartikeln und allen anderen Mikroben fehlt es bekanntlich am freien Nerven-Willen und damit der bewußten Selbstbestimmung!!
Was die epidemiologische Gefahrenlage von angeblich in Deutschland und anderswo nachgewiesenen einzelnen, -vielleicht im Luft- und Schiffsverkehr-, zufällig eingeschleppten Busch- und Tigermücken-, anbelangt, so müßten die zu ihrer Vermehrung erst einmal dauerhaft eine rel. Luftfeuchte von mindestens 70%, Temperaturen von größer 24 Grad Celsius sowie stagnierende Abwässer vorfinden, damit sie "Kopulations-Schwärme" bilden können. Sind dazu die männlichen Sexualpartner auch schon mit eingeflogen worden?
Ich nehme an, daß der Experimental-Insekten-Bestand des Herrn Dr. Kempen im FLI- Hochsicherheits-Labor aus dem urspünglichen Gefahrengebiet importiert worden ist und nicht europäischen Ursprungs ist!
Diese, für krankheitsübertragende Insektenvermehrung "günstigen"
Umweltbedingungen gibt es aber bis auf weiteres nur in tropischen Ländern der Welt.
Haben unsere Entomologen denn überhaupt schon mal in den bez. "Schreckgespenstern" in Deutschland einen exotischen Virus-Krankheits-Erreger nachgewiesen?
Schließlich wäre das Voraussetzung, daß der Mückenstich durch den "Tiger" und Co. hierzulande auch tatsächlich infektiös sein könnte; oder, daß die weibliche Buschmücke zufällig in unserem Lande einen virämischen Reise-Patienten antrifft, piekst und sich mit dem inektiösen Agens "volltankt"!
Das alles dürfte aber absehbar in Mitteleuropa höchst unwahrscheinlich sein, und mindestens so ungewiß wie ein Sechser mit Superzahl im Lotto.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, FTA für Hygiene und Mikrobiologie aus Rostock

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