Großbritannien

Doping-Skandal ruft Ärztevertreter auf den Plan

Ein Londoner Gynäkologe soll Profis aus diversen Sportarten jahrelang mit Dopingmitteln versorgt haben. Ein schlechtes Bild bei der Geschichte gibt die britische Antidoping-Agentur ab. Sie soll jahrelang gegen den Verdächtigen nichts unternommen haben.

Arndt StrieglerVon Arndt Striegler Veröffentlicht:
Titelblatt der Sunday Times: Der Artikel über den Arzt, der Sportlern beim Dopen geholfen haben soll, bestimmt die Schlagzeile.

Titelblatt der Sunday Times: Der Artikel über den Arzt, der Sportlern beim Dopen geholfen haben soll, bestimmt die Schlagzeile.

© Striegler

LONDON. Als Folge des am vergangenen Wochenende in Großbritannien öffentlich gewordenen Sport-Dopingskandals erwägt die britische Regierung offenbar, die Anti-Dopinggesetze im Königreich zu verschärfen.

Außerdem dürfte der Skandal, bei dem ein Londoner Gynäkologe jahrelang mindestens 150 Sportler in seiner Praxis mit illegalen Medikamenten versorgt haben soll, auch Konsequenzen für den weltweiten Sport sowie für die ärztliche Selbstverwaltung in Großbritannien haben.

Ein Regierungssprecher in London bestätigte der "Ärzte Zeitung" am Montag, dass man "eine Verschärfung der Anti-Dopinggesetze" erwäge, sollte ein inzwischen anberaumter Untersuchungsausschuss zu dem Schluss kommen, dass strengere Gesetze nötig sind.

Mit den Vorgängen vertraute Quellen in Großbritannien sagten außerdem im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung", Großbritannien werde "wahrscheinlich international aktiv" werden, um beim Weltleichtathletikverband und bei anderen internationalen Sportverbänden auf eine "Verschärfung der Anti-Dopingbestimmungen und Dopingtests" zu drängen.

Internationale Kundschaft?

Der von der großen britischen Sonntagszeitung "Sunday Times" aufgedeckte Skandal ist nicht zuletzt deshalb wenige Monate vor Beginn der Olympischen Sommerspiele in Rio de Jainero von besonderem Interesse, da offenbar nicht nur britische Spitzensportler involviert sind.

Laut "Sunday Times" reisten außer britischen Sportlern auch ausländische Athleten in die Privatpraxis eines Londoner Gynäkologen, um sich von diesem mit illegalen Medikamenten zur Leistungssteigerung versorgen zu lassen. Dafür sollen die Sportler dem Arzt Geld gezahlt haben, so die Zeitung, die einen Undercover-Reporter in die Praxis im Stadtteil Knightsbridge geschickt hatte und dabei die Konsultationen mit einer versteckten Kamera filmte.

Der Gynäkologe hat laut dem Bericht innerhalb der vergangenen sechs Jahre mindestens rund 150 Sportler mit illegalen Medikamenten versorgt. Der Arzt habe den Athleten unter anderem Stereoide, Wachstumshormone, Erythpropoietin (EPO) und andere im Leistungssport verbotene Wirkstoffe verschrieben.

Die Kontakte zu dem Privatarzt sollen über einen Mittelsmann gelaufen sein, der vor einigen Jahren als Fitnesstrainer für den Londoner Premier League Fußballverein FC Chelsea gearbeitet haben soll. Der 38-jährige Gynäkologe bestreitet bislang alle Vorwürfe.

Besonders peinlich ist die Tatsache, dass die britische Aufsichtsbehörde "UK Anti Doping" (Ukad) seit rund zwei Jahren von den Vorwürfen gegen den Privatarzt gewusst haben soll, sich aber offenbar dazu entschloss, nichts zu unternehmen. Ukad ist ebenfalls damit betraut, die Vorwürfe gegen russische Athleten mit zu untersuchen. Der neue britische Skandal stellt die Kompetenz der Behörde in Frage. Diverse Politiker und Sportfunktionäre forderten am Montag abermals den Rücktritt der Ukad-Spitze.

General Medical Council will eigene Untersuchung

Der unter Verdacht stehende Arzt soll sowohl professionelle Fußballspieler von Vereinen wie FC Chelsea, Arsenal London, Leicester City und Birmingham City gedopt haben, als auch Cricket-Spieler, Boxer, Tennis-Stars und Tour-de-France-Radler. Es sollen laut "Sunday Times" auch internationale Sportler nach London gereist sein, um sich dopen zu lassen. Noch ist unklar, ob darunter auch Sportler aus Deutschland waren.

"Dieser Skandal beweist, dass der britische Spitzensport ein größeres Dopingproblem hat, als wir das bislang erahnten", kommentierte der Trainer der britischen Olympiasiegerin im Siebenkampf Jessica Ennis-Hill, Toni Minichiello, die Vorgänge. Minichiello verlangte ebenso wie andere Experten den Rücktritt der Ukad-Hauptgeschäftsführerin Nicole Sapstead. Diese weist alle Vorwürfe zurück.

Der ehemalige britische Sportminister und Spitzensportler Lord Moynihan verlangte gar die Suspendierung der gesamten Aufsichtsbehörde. "Es ist klar, dass die Agentur unfähig ist, saubere Sportlerinnen und Sportler vor Doping-Sündern zu schützen!"

Unterdessen kündigte der britische General Medical Council (GMC) eine eigene Untersuchung der Vorgänge rund um den Londoner Gynäkologen an. Das ist aus ärztlicher Sicht interessant, da der GMC als Organ der ärztlichen Selbstverwaltung weitreichende Befugnisse hat.

Der GMC kann Ärzten die Erlaubnis zu praktizieren entziehen oder sie suspendieren. Außerdem regelt der GMC die ärztliche Selbstverwaltung im Königreich. Innerhalb der britischen Ärzteschaft wird der Dopingskandal mit großem Interesse verfolgt.

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Kommentare
Dr. Horst Grünwoldt 05.04.201613:51 Uhr

Doping-doctors

Nun ist es wieder einmal ein Gynäkologe, der sich medikamentös nicht nur an Frauen, sondern auch an Männern profitgierig vergreift. Das hatten wir ja schon mit dem Dr. Fuentes, der mit der absurden Eigenblut-und Epo-Therapie unseren großen -leider naiven- Jan Ulrich nicht nur körperlich belastet, sondern auch finanziell erleichtert hatte.
Es bleibt also dabei: Der Verlockung, nicht nur dem Nimbus "Zauberdoktor" entsprechen zu wollen, sondern mit dem "Phantom doping" sich auch noch am sportlichen Erfolg (ruhmreich und geldlich) beteiligen zu können, dürfte Mediziner immer wieder verführen, Athleten als Medikamenten-Versuchs-Objekte zu benutzen.
Was in den 1970er Jahren beidseits des "Eisernen Vorhangs" vor allem von offiziellen Sportärzten skrupellos vorangetrieben wurde, setzt sich nun fort im privatärztlichen Bereich.
Eigentlich müßte es die Ethik der Heilkunde gebieten, lediglich Kranke medikamentös zu behandeln - aber keine riskanten Arzneimittel an Gesunde zu verabreichen. Und das im blinden Glauben, die könnten leistungssteigernd ohne Nebenwirkungen sein.
Wo bleibt da die maßgebliche Stimme unserer klinischen Pharmakologen?
Und wer gebietet der Apotheken-Werbung für vieles Unnütze -oder sogar Belastende- Einhalt?
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock

Prof. Dr. Dr. Thomas Ziegler 05.04.201609:47 Uhr

test

test

Can Altinok 05.04.201609:00 Uhr

Unglaublich

wozu Gier Menschen verleitet. Durch solche "Ärzte" wird das gesamte Gesundheitswesen in Misskredit gebracht.

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