Hörsturz: Prednisolon nur ein Placebo?

Patienten, die einen Hörsturz erleiden, profitieren offenbar nicht von der Behandlung mit Prednisolon. Zumindest gilt das für eine Dosierung, die deutlich geringer ist, als sie in Deutschland verwendet wird.

Von Dr. Dagmar Kraus Veröffentlicht:
Glukokortikoide schlucken, bringt das Hörvermögen nicht zurück. Hörsturz-Patienten können genauso gut auf eine Spontanremission hoffen.

Glukokortikoide schlucken, bringt das Hörvermögen nicht zurück. Hörsturz-Patienten können genauso gut auf eine Spontanremission hoffen.

© ArTo / fotolia.com

LINKÖPING. Bereits in den 1970er-Jahren führte man in den USA die orale Glukokortikoid-Therapie bei Hörsturz-Patienten ein, basierend auf der Annahme, dass Entzündungsprozesse oder Viren den Hörverlust verursachen. Doch schwedische Forscher zweifeln an der Effektivität von Prednisolon.

Patienten, die einen Hörsturz erleiden, profitieren offenbar nicht davon, wenn sie Prednisolon einnehmen, um ihr Hörvermögen wiederzuerlangen. Sie können genauso gut auf eine spontane Remission hoffen.

Denn Prednisolon blieb in einer schwedischen multizentrischen Studie den therapeutischen Effekt schuldig und schnitt nicht besser ab als Placebo (Otol Neurotol 2012; 33: 523-531).

Was von der Behandlung mit Prednisolon bei plötzlichem unlilateralem idiopathischem sensorineuralem Hörverlust zu erwarten ist, überprüften Dr. Ramesh Nosrati-Zarenoe und seine Kollegen von der Linköping Universität in Schweden.

Erst 60, dann 10 Milligramm

In ihre Studie schlossen sie insgesamt 93 Patienten ein, die alle einen Hörsturz mit einseitigem Hörverlust von mindestens 30 dB oder mehr in drei angrenzenden Frequenzbereichen erlitten hatten.

Sie wurden randomisiert entweder mit Prednisolon oder Placebo behandelt.

In den ersten drei Tagen nahmen die Patienten das Glukokortikoid in einer Dosierung von 60 mg pro Tag ein, während weiterer acht Tage wurde die Dosis um jeweils 10 mg pro Tag reduziert.

Hatte sich dann das Gehör komplett erholt und das Hörvermögen kam zurück, konnten die Probanden die Tabletten absetzen. Anderenfalls sollten sie über weitere 19 Tage 10 mg Prednisolon pro Tag schlucken.

Zur Nachuntersuchung wurden die Patienten am Tag 8 (± 1 Tag), einen Monat und drei Monate nach der Randomisierung einbestellt, wobei jeweils auch ein Audiogramm erstellt wurde.

Kein deutlicher Unterschied zwischen den Gruppen

Patienten mit einer spontanen Remission an Tag 8 mussten sich erst nach drei Monaten wieder vorstellen.

Die Prednisolon-Therapie enttäuschte: Weder acht Tage noch drei Monate nach der Randomisierung ließ sich ein Unterschied zwischen Verum- und Placebogruppe feststellen.

Am Tag 8 hatte sich das Hörvermögen in der Verumgruppe um 25,5 ± 27,1 dB und das der Placebogruppe um 26,4 ± 26,2 dB verbessert (p = 0,863). Bei 20 Patienten war zu diesem Zeitpunkt eine Vollremission nachweisbar; 11 davon waren mit Prednisolon behandelt worden.

Drei Monate später zeichnete sich ein ähnliches Bild ab: Insgesamt 36 Patienten hatten nun ihr Hörvermögen vollständig wiedererlangt, 18 davon gehörten zur Prednisolongruppe.

Und die frequenzabhängige Hörempfindlichkeit der Studienteilnehmer hatte sich um 39 ± 20,1 dB unter Prednisolon beziehungsweise um 35,1 ± 38,3 dB unter Placebo verbessert (p = 0,484).

Kein Grund zur überstürzten Leitlinien-Anpassung

Unabhängig von der Art der Therapie mussten Patienten, die bei der Diagnosestellung über Schwindel geklagt hatten, mit schlechteren Heilungsaussichten rechnen. Waren hingegen Entzündungszeichen im Blut nachweisbar, konnten die Patienten auf einen günstigen Verlauf hoffen.

Auch wenn Prednisolon in dieser Untersuchung enttäuscht habe, würden die Daten nicht ausreichen, um die Therapieempfehlungen zu ändern, betonen die Studienautoren.

Dafür müssten die Ergebnisse künftiger Metaanalysen abgewartet werden. Außerdem: Die Ergebnisse der aktuellen Studie lassen sich nicht auf das in Deutschland übliche Therapieregime mit Prednisolon übertragen.

Denn anders als im angloamerikanischen Raum wird zur Hörsturztherapie in Deutschland Prednisolon in einer deutlich höheren Dosierung verabreicht.

So empfiehlt die aktuell geltende S1-Leitlinie, "die Glukokortikoid-Therapie drei Tage lang mit jeweils mindestens 250 mg Prednisolon oder einem anderen synthetischen Glukokortikoid mit äquivalenter Dosierung" zu beginnen.

Zeigt sich eine Besserung der Hörstörung, soll die Therapie mit absteigender Dosierung fortgesetzt werden.

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Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler 26.07.201210:22 Uhr

(Prednisolon)-Schwindel mit Hörsturz?

''Idiopathic Sudden Sensorineural Hearing Loss ISSNHL with Swindle?'', könnte man auch fragen. Wie fragwürdig Kortisontherapien beim plötzlichen Hörverlust sind, zeigte auch eine retrospektive japanischen Studie (Laryngoscope 2012; online 23. März). Sie versuchte den Nachweis, dass lokale Steroidinjektionen hinter das Trommelfell ergänzend zu systemischer Steroidtherapie eher zum Wiedererlangen des Hörvermögens führen, als die Kombination systemische Steroide plus hyperbare Sauerstofftherapie. Eine "intratympanic" IT-Gruppe hatte einmal wöchentlich über 4 Wochen unter Lokalanästhesie Dexamethason-Injektionen in die Paukenhöhle erhalten. Eine HBO-Gruppe hatte über zwei Wochen an jedem Wochentag bei einstündigen Sitzungen in einer hyperbaren Kammer 100 % Sauerstoff eingeatmet.

Die IT-Gruppe zeigte in knapp 80 % eine verbesserte Hörleistung, in der HBO-Gruppe waren es nur knapp 70 %. Bei Teilnehmern ohne Schwindelsymptome blieb die Verbesserung der Hörleistung durch lokale Steroidinjektionen signifikant, bei Patienten mit Schwindel nicht. Negativ fielen Trommelfellperforationen auf, die bei knapp 9 % der IT-Patienten eine Myringoplastik erforderten. Bei fast 7 % der HBO-Patienten musste das Trommelfell bei purulenter Otitis media punktiert werden.

• Der Evidenzgrad dieser retrospektiven Studie wird von den Autoren selbst mit 2b eingeschränkt.
• Eine gezielte Steroidinjektion ("intratympanic steroid administration") ist diffizil.
• Dadurch erklären sich die Trommelfellperforationen (9 % Myringoplastik) in der IT-Gruppe.
• Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO-Gruppe) mit 14 Stunden Druckkammer Aufenthalt in 2 Wochen erhöht anscheinend das Risiko einer purulenten Otitis media.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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