Australische Studie

CT in der Kindheit macht Krebs wahrscheinlicher

Wer bis zu seinem 19. Lebensjahr eine computertomografische Untersuchung über sich ergehen lassen muss, trägt im späteren Leben ein erhöhtes Risiko, an einem bösartigen Tumor zu erkranken.

Dr. Robert BublakVon Dr. Robert Bublak Veröffentlicht:
Bei den computertomografisch untersuchten Studienteilnehmern lag die Krebsinzidenz um 24 Prozent höher als bei den Vergleichspersonen.

Bei den computertomografisch untersuchten Studienteilnehmern lag die Krebsinzidenz um 24 Prozent höher als bei den Vergleichspersonen.

© Klaus Rose

CARLTON. Ein Team um den Epidemiologen John Mathews von der University of Melbourne in Carlton hat die Krankenversicherungsdaten von rund elf Millionen Patienten ausgewertet. 680.211 von ihnen waren zwischen 1985 und 2005 in eine CT-Röhre geschoben worden (BMJ 2013; online 22. Mai).

Zu diesem Zeitpunkt waren sie höchstens 19 Jahre alt gewesen. Um die Möglichkeit auszuschließen, dass die CT bereits Teil der Tumordiagnostik gewesen war, durften etwaige Malignome nicht früher als ein Jahr nach der radiologischen Untersuchung aufgetreten sein.

Insgesamt waren bei den Probanden während einer durchschnittlichen Follow-up-Zeit 60.674 Malignome aufgetreten, 3150 davon in der CT-Gruppe.

Bei den computertomografisch untersuchten Studienteilnehmern lag die Krebsinzidenz um 24% höher als bei den Vergleichspersonen, bei denen keine CT gefahren worden war. Jede weitere CT erhöhte die Inzidenz um 16%.

Krebsrisiko korreliert mit Alter beim CT

Das Krebsrisiko korrelierte mit dem Alter der Patienten zum Zeitpunkt der CT: Es lag bei den Ein- bis Vierjährigen um 35%, bei den Fünf- bis Neunjährigen um 25%, bei den 10- bis 14-Jährigen um 14% und bei den über 15-Jährigen um 24% höher.

Die Zahl zusätzlicher Krebserkrankungen unter den Patienten, die eine CT - durchschnittliche Strahlendosis: 4,5 mSv - hinter sich hatten, bezifferten Mathews und seine Mitarbeiter auf 608: 147 Hirntumoren, 356 andere solide Tumoren, 48 Leukämien oder Myelodysplasien und 57 sonstige lymphoide Malignome. Die überschießende Inzidenz gaben die Forscher mit 9,38/100.000 Personenjahre an.

Auch wenn vermutlich nicht alle überzähligen Tumoren auf die CT zurückzuführen sind - vor allem bei Hirntumoren könnte der Vorlauf von einem Jahr zwischen CT und Diagnose zu gering bemessen sein -, spricht laut Mathews doch vieles für die CT-Strahlen als wesentliche Ursache.

Inzidenzsteigerung auch nach langer Vorlaufzeit

Beispielsweise erbrachten Analysen mit Vorlaufzeiten von fünf und von zehn Jahren zwar niedrigere, in der Verteilung aber ähnliche Inzidenzsteigerungen. Auch der Ausschluss von Hirntumoren, die nach einem Schädel-CT auftraten, aus der Analyse veränderte die Resultate nicht substanziell.

Die Konsequenzen aus ihren Resultaten liegen für die Australier auf der Hand.

"Es muss sichergestellt werden, dass die CT-Diagnostik auf Situationen beschränkt bleibt, in denen eine klare klinische Indikation besteht, und es muss die jeweils niedrigstmögliche Dosis gewählt werden", schreiben die Forscher.

Nicht radiologisch tätige Ärzte, die ja die meisten CT-Untersuchungen veranlassten, müssten die potenziellen Risiken kennen. Zum Beispiel würden viele CT angeordnet, um Schädeltraumen geringeren Grades oder den Verdacht auf eine Appendizitis abzuklären, so Mathews und sein Team.

Beobachten des Patienten, Ultraschall- und Kernspinuntersuchungen böten sich hier als Alternativen an.

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Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler 27.08.201312:09 Uhr

Nachberechnung mit Widersprüchen

Die Ergebnisse sind beunruhigend. Insbesondere weil ich nachrecherchiert habe. Im Abstract der Originalarbeit “Cancer risk in 680000 people exposed to computed tomography scans in childhood or adolescence: data linkage study of 11 million Australians” British Medical Journal BMJ 21. Mai 2013 http://dx.doi.org/10.1136/bmj.f2360
heißt es „Results: 60674 cancers were recorded, including 3150 in 680211 people exposed to a CT scan at least one year before any cancer diagnosis. The mean duration of follow-up after exposure was 9.5 years.” Die Krebsinzidenz bei den n i c h t CT-Exponierten betrug demnach 0,561 Prozent. Bei anamnestischer CT-Belastung erreichte die Krebsinzidenz (nur?) 0,463 Prozent? Auch ein Kollege aus Sachsen hat in einem BMJ-Kommentar diesen Sachverhalt hinterfragt.

In der ausführlichen Darstellung finden sich verwirrende Details: „The cohort included 10939680 people. Based on a one year lag period, 680211 (6.2%) were transferred into the CT exposed group before their exit from the study (table 1?), and 18% of the exposed group had more than one scan (table 2?). Mean length of follow-up was 9.5 years for the exposed group and 17.3 years for the unexposed group. By 31 December 2007, 3150 individuals in the exposed group and 57524 individuals in the unexposed group had been diagnosed with a cancer, giving a total of 60674 people with a cancer. For all types of cancer combined, incidence was 24% greater in the exposed group than in the unexposed group (IRR 1.24 (95% confidence interval 1.20 to 1.29) after stratification for age, sex, and year of birth, P<0.001), and the IRR increased by 0.16 (0.13 to 0.19) with each additional CT scan (P<0.001 for trend; fig 2?).” Die Dauer der Nachbeobachtung in der CT-Gruppe (18 Prozent hatten mehr als ein CT) betrug im Mittel 9,5 Jahre, in der Gruppe o h n e CT dagegen 17,3 Jahre. Beide Gruppen sind damit n i c h t mehr vergleichbar! Und die Krebsinzidenz in der Gruppe o h n e CT fällt wegen der extrem verlängerten Nachbeobachtungsdauer als Ergebnisverzerrung („bias“) viel zu hoch aus.

Damit ich nicht missverstanden werde: Ich halte eine strenge Indikationsstellung für stärker strahlenbelastende Untersuchungen für essenziell, damit Krankheitsrisiken bei Untersuchungen mit ionisierenden Strahlen nicht noch erhöht werden. Aber dafür sind p r o s p e k t i v e Studien notwendig.

Eine weitere retrospektive Studie bestätigte, dass auch durch niedrigere Strahlenbelastungen mit modernen CT-Untersuchungsgeräten das Krebs-Folgerisiko erhöht sein kann. Analysiert wurden Daten einer britischen retrospektiven Kohortenstudie von fast 180.000 Patienten, die im Kindesalter zwischen 1985 und 2002 eine CT-Untersuchung bekamen. Keines der Kinder war zuvor an Krebs erkrankt. Zur Vermeidung von „bias“ wurden für die Auswertung n i c h t genutzt die Daten von Patienten, die innerhalb von zwei Jahren nach der CT-Untersuchung an Leukämie oder innerhalb von fünf Jahren nach der Untersuchung an einem Hirntumor erkrankten. Bei insgesamt 74 von 178.604 Patienten wurde nachfolgend eine Leukämie diagnostiziert, bei 135 von 176.587 ein Hirntumor. Das Leukämie-Risiko war ab Strahlendosen von 30 mGy erhöht. Hirntumor-Risiken waren ab 50 mGy erhöht. Vgl.: The Lancet, Volume 380, Issue 9840, 499 - 505, vom 4. August 2012
doi:10.1016/S0140-6736(12)60815-0
“Radiation exposure from CT scans in childhood and subsequent risk of leukaemia and brain tumours: a retrospective cohort study”

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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