33 Studien analysiert

Psychotherapie bei Borderline nur mäßig erfolgreich

Spezifische Psychotherapien sind bei Borderline-Patienten unterm Strich zwar signifikant wirksamer als unspezifische Behandlungen, allerdings fällt die Bilanz in kontrollierten Studien eher mager aus.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Spezifische Psychotherapien für Borderline-Patienten: Die Abbrechrate war in einer Meta-Analyse so hoch wie in der Kontrollgruppe.

Spezifische Psychotherapien für Borderline-Patienten: Die Abbrechrate war in einer Meta-Analyse so hoch wie in der Kontrollgruppe.

© mangostock / fotolia.com

CLUJ-NAPOCA. Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung stellen Psychiater noch immer vor große Herausforderungen: Die Suizidrate liegt bei rund 10 Prozent und ist damit etwa 50-fach höher als in der übrigen Bevölkerung, drei von vier Betroffenen verletzen sich selbst, um innere Spannungen abzubauen, die funktionellen Beeinträchtigungen sind enorm.

Psychiater und Therapeuten haben zwar spezifische Psychotherapien für solche Patienten entwickelt, etwa die dialektische Verhaltenstherapie sowie psychodynamische Ansätze. Damit konnten sie in einzelnen Studien auch Erfolge nachweisen, allerdings sind die Therapieeffekte eher gering, berichtet ein internationales Forscherteam um Dr. Ioana Cristea von der Universität in Cluj-Napoca in Rumänien.

Geringe bis moderate Effektstärken

Die Psychiater und Psychotherapeuten gelangten zu diesem Schluss, nachdem sie 33 randomisiert-kontrollierte Untersuchungen mit zusammen rund 2300 erwachsenen Borderline-Patienten ausgewertet hatten (JAMA Psychiatry 2017; 74:319-328). In 22 der Studien wurde eine spezifische Psychotherapie gegen eine unspezifische, allgemeine Behandlung geprüft (Stand-alone-Design), in elf Studien zusätzlich zu einer solchen (Add-on-Design). Zwölf Studien untersuchten eine dialektische Verhaltenstherapie, acht eine psychodynamische Behandlung und fünf eine kognitive Verhaltenstherapie.

Die Ergebnisse – in Kürze

» Spezifische Therapien für Borderline-Patienten waren zwar signifikant besser als die in den Kontrollgruppen, mit einem Hedges g von 0,4 (als Add-on-Behandlung) und 0,32 (Stand-alone) offenbarten sich jedoch nur geringe Effektstärken.

» Die NNT lag jeweils bei 5,6 und 4,5.

» Wurden Suizidalität, Borderline-Symptome, Zahl der Arzt- und Klinikbesuche sowie Ängste und Depressionen einzeln analysiert, zeigten sich ebenfalls geringe bis moderate Effektstärken im Bereich von 0,2 – 0,6.

An 20 der Studien waren Entwickler der jeweiligen Verfahren beteiligt, die Behandlungsdauer schwankte zwischen zweieinhalb und 24 Monaten, und die Zahl der Sitzungen variierte zwischen 6 und 312.

Das Team um Cristea berechnete die Effektstärke (Hedges g) sowie die "Number Needed to Treat (NNT)" für mehrere Studienendpunkte. Wurden sämtliche Borderline-bezogene Endpunkte betrachtet, also Krankheitssymptome, Selbstverletzungen und suizidales Verhalten, dann waren die spezifischen Therapien zwar signifikant besser als die in den Kontrollgruppen, mit einem Hedges g von 0,4 (als Add-on-Behandlung) und 0,32 (Stand-alone) offenbarten sich jedoch nur geringe Effektstärken – als moderat gelten Effektstärken von 0,5 – 0,8, als stark solche über 0,8. Die NNT lag jeweils bei 5,6 und 4,5.

Wurden Suizidalität, Borderline-Symptome, Zahl der Arzt- und Klinikbesuche sowie Ängste und Depressionen einzeln analysiert, zeigten sich ebenfalls geringe bis moderate Effektstärken im Bereich von 0,2 – 0,6. Beim Stand-alone-Design fanden die Forscher den deutlichsten Effekt bei der Suizidalität (g = 0,44). Beim Add-on-Design wurden hingegen Ängste und Depression am stärksten reduziert (g = 0,53). Selbstverletzungen sowie die Zahl der Arzt- und Klinikbesuche gingen hier im Vergleich zur Kontrollgruppe nicht signifikant zurück.

In der Nachbeobachtungszeit ergab sich für die Studien mit Stand-alone-Design ein signifikanter und moderater Effekt (g = 0,56), nicht aber für das Add-on-Design. Über alle Studien gemittelt fanden die Forscher einen signifikanten, aber geringen Effekt zum Studienende (g = 0,35) sowie in der Nachbeobachtungszeit (g = 0,45). Die spezifischen Psychotherapien scheinen insgesamt etwas besser zu wirken als die übliche Behandlung, allerdings sind die Unterschiede eher gering.

Wurden die einzelnen Verfahren analysiert, so schnitten die dialektische Verhaltenstherapie (g = 0,34) und die psychodynamische Therapie (g = 0,41) etwas besser ab als eine unspezifische Behandlung, nicht jedoch die kognitive Verhaltenstherapie.

Keine signifikanten Unterschiede fanden die Forscher in Studien, in denen ein Team sowohl die Interventions- als auch die Kontrollgruppe betreute. Wurden nur relativ hochwertige Studien mit einem geringen Risiko für Verzerrungen berücksichtigt, ergaben sich ebenfalls keine belastbaren Unterschiede zwischen den Therapiegruppen.

Keine veröffentlichten Resultate

Zu sechs Untersuchungen fanden die Wissenschaftler keine veröffentlichten Resultate – vermutlich, weil sie negativ ausfielen. Wurden diese Studien mitberücksichtigt, verwässerten sie die Ergebnisse derart, dass nur noch ein knapp signifikanter, minimaler Effekt (g = 0,23) zum jeweiligen Studienende übrig blieb. Für die Nachbeobachtungszeit zeigten sich dann keine statistisch belastbaren Unterschiede mehr.

Die Zahl der Therapieabbrecher war in den Gruppen mit Psychotherapie erstaunlicherweise ähnlich hoch wie in den Kontrollgruppen. Eigentlich sollten Psychotherapien die Patienten verstärkt bei der Stange halten, was aber offensichtlich nicht der Fall war.

Möglicherweise haben auch die spezifischen Psychotherapien einen eher unspezifischen Effekt, indem sie die Behandlung strukturieren und den Patienten mehr Aufmerksamkeit schenken, spekulieren die Autoren der Metaanalyse. Letztlich wären aber größere und besser konzipierte Studien nötig, um Effekte einer spezifischen Psychotherapie zu prüfen, geben sie zu bedenken.

Jetzt abonnieren
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Kardiale autonome Neuropathie

Diabetes: Wenn die Nerven am Herzen geschädigt werden

Kommentare
Jörg Dreher 11.06.201718:24 Uhr

Was sich lohnen kann.....

.... schon mal die 50 % der Borderliner heraus zu finden, bei denen in der Kindheit ein ADHS vorlag (Prof. Bohus) und entsprechend zu mediizieren. Ja, Ritalin kann Wunder bewirken. Auch die antidepressive Medikamente wie Venlafaxin können helfen, manchmal sogar besser niedrig dosiert. Dipl. Psych. Jörg Dreher , Schwerpunkt ADHS im Erwachsenenalter.
http://www.youtube.com/playlist?list=PLeX6cbwi5X_gB8AUBGWyDjVayjh2t-mTF

Christine Hartmann 24.05.201711:33 Uhr

Ergänzung zum obigen Kommentar

Das System gibt das, was gebraucht würde, wie bei vielen Chronikern mit psychischer, somatischer und gemischter Multimorbidität nicht her.
Dies verhindert auch deren bestmögliche Anpassung an das und Teilhabe am System.

So wird das Elend eher möglichst unauffällig verwaltet als verbessert; es entsteht ein Drehtüreffekt (gelernte Hilflosigkeit bei den Patienten einerseits, Burnout bei fähigen Kollegen andererseits).
Die wenigen Patienten, die selbst in der Lage sind, sich ohne Hilfe zu integrieren, brauchen es ja nicht so dringend.

Christine Hartmann 24.05.201707:26 Uhr

Verfügbare Behandlungen gehen an Bedürfnissen vorbei

Diese Ergebnisse verwundern nicht.
Fragt man Borderline-Patienten, so geht die Behandlung oftmals an den Bedürfnissen vorbei; eine ausreichende Länge ist meist nicht erstattungsfähig.

Meiner beruflichen und privaten Erfahrung nach profitieren Borderliner nicht vor allem von Interventionen oder (ohnehin schwierig, weil man immer nur gegensätzliche Einzelsymptome und zahlreiche Komorbiditäten zeitweise behandeln kann und das off-label tun muss, da für die Störung an sich keine zugelassenen Medikamente verfügbar sind) der Medikation.
Sondern am meisten von vorgelebter stabiler "Normalität" und persönlicher Nähe zu passenden Behandlern in einer sehr langfristigen, zunächst mal für Jahre hochfrequenten (Arbeits-)Beziehung, die multimodal Entwicklungsdefizite und fehlende soziale Übung nachholen lässt soweit möglich und vermeidbare (Re-)Traumatisierungen erspart.
Die befürchtete Abhängigkeit lässt sich zusammen mit dem Patienten langsam lösen, wenn er sie erlebt hat; dies ist ein wichtiger Punkt, der in der Entwicklung fehlt und an dem viele Therapien scheitern.

Dies entspricht eher einem Einzelfallcoaching, wird als Tabuthema abgeschmettert und nicht von den Kassen bezahlt; folglich gibt es dazu auch keine Untersuchungen.

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kanadische Fall-Kontroll-Studie

Erhöhte Hypoglykämie-Gefahr nach Beginn einer Betablocker-Therapie beobachtet

Lesetipps
Stethoskop mit Doktorhut und Diplom

© yta / stock.adobe.com

Kolumne „Hörsaalgeflüster“

Die Approbationsordnung muss endlich reformiert werden!

Die Ärzte Zeitung hat jetzt auch einen WhatsApp-Kanal.

© prima91 / stock.adobe.com

News per Messenger

Neu: WhatsApp-Kanal der Ärzte Zeitung