Senioren

Einsamkeit treibt Psychopharmaka-Konsum

Soziale Isolation macht traurig - und depressiv. Je einsamer sich alte Menschen fühlen, desto eher nehmen sie Psychopharmaka ein. Wissenschaftler empfehlen daher soziale Netzwerke.

Von Ingeborg Bördlein Veröffentlicht:
Gefaltete Hände einer alten Frau: Wenn vom Leben nichts als Erinnerungen übrig bleiben, wird öfter die "Pille gegen Einsamkeit" nachgefragt.

Gefaltete Hände einer alten Frau: Wenn vom Leben nichts als Erinnerungen übrig bleiben, wird öfter die "Pille gegen Einsamkeit" nachgefragt.

© Gabriele Rohde / fotolia.com

HEIDELBERG. Ältere Menschen, die sich sehr einsam und sozial isoliert fühlen, greifen eher "zur Pille gegen die Einsamkeit" als jene ohne starke Einsamkeitsgefühle.

Dies ist das Ergebnis der ESTHER-Kohortenstudie, die beim Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Heidelberg vorgestellt wurde (ESTHER: Epidemiologische Studie zu Chancen der Verhütung, Früherkennung und optimierten Therapie chronischer Erkrankungen in der älteren Bevölkerung).

"Zwar wusste man schon, dass die Einnahme von Psychopharmaka im Alter häufig ist," sagte die Ärztin Dr. Friederike Böhlen aus Heidelberg.

Nach Erhebungen nimmt fast jeder vierte ältere Mensch Antidepressiva sein. Doch sei bislang nicht bekannt gewesen, dass Einsamkeit über depressive Symptome hinaus als eigenständiger Faktor eine Rolle spiele.

Diese Fragestellung hat die Heidelberger Medizinerin untersucht. In der populations-basierten Studie wurde der Grad der Einsamkeit bei 3124 älteren Menschen während eines Hausbesuchs im Verlauf von acht Jahren mit einer speziellen Messmethode, der UCLA-loneliness-scale gemessen und der Psychopharmaka-Konsum von den Studienärzten erfasst.

Soziale Kontakte zur Vorbeugung

Zwei Subgruppen mit unterschiedlicher Ausprägung der Einsamkeit wurden im Hinblick auf ihren Psychopharmaka-Konsum verglichen. Dabei zeigte sich, dass ältere Menschen mit einem hohen Grad an Einsamkeit signifikant häufiger Psychopharmaka einnehmen als weniger Einsame, nämlich 29,5 Prozent versus 16,9 Prozent.

"Der Konsum von Psychopharmaka war positiv assoziiert mit dem Grad der Einsamkeit" resümierte die Medizinerin, auch nach Adjustierung für somatopsychische Komorbiditäten und psychosoziale Faktoren.

Je nach Studie klagen fünf bis 20 Prozent der Senioren in Deutschland über starke Einsamkeit, wobei Männer und Frauen im Alter etwa gleich häufig davon betroffen seien, wie Professor Karl-Heinz Ladwig von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum rechts der Isar in München berichtet hat.

Frauen hätten zwar deutlich mehr Risikofaktoren für Einsamkeit als Männer. So seien sie häufiger verwitwet und auch häufiger körperlich gebrechlich, was ihre Kontaktmöglichkeiten einschränke. Doch würden diese Risikofaktoren von ihnen besser kompensiert als von Männern.

Der beste Schutz vor Einsamkeit ist ein gutes Netzwerk mit Sozialkontakten, wie Ladwig in einer epidemiologischen Untersuchung mit über 1000 Probanden bestätigt sah. Dabei spiele es keine Rolle, ob sie alleine leben oder nicht.

Jetzt abonnieren
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Kommentare
Dr. Birgit Bauer 04.04.201310:17 Uhr

Soziale Isolation macht traurig - und depressiv.

Welch umwerfende wissenschaftliche Erkenntnis!
Mir hat das bereits meine Oma und die wußte es von ihrer Oma gesagt und dass ganz ohne wissensschaftlich aufgetakelte Studien.
Diese "Wissenschaftler" sollten sich mal an einer Doppelblindstudie zum Wirkungsnachweis eines Fallschirmes beteiligen, der steht meines Wissens immer noch aus!
M.f.G.B.Bauer

Wolf R. Dammrich 04.04.201309:39 Uhr

Zum Psychopharmakon greift nicht der Patient,...

...sondern sein Arzt. Noch sind Psychopharmaka tatsächlich mehrheitlich verschreibungspflichtig, wenn es nicht gerade um Hypericum geht.
Wenn also der Konsum stetig steigt, so wohl eher deshalb, weil im neuen DSM IV selbst gewöhnliche Schüchternheit schon als Sozialphobie stigmatisiert und damit pharmakologisch behandelbar wird. Dass Vereinsamung zur Altersdepression umdeklariert wird, nimmt also nicht weiter Wunder.
Sehr verwunderlich hingegen scheint mir, dass gegen all diese sozialen Probleme ausgerechnet SSRI verordnet werden sollen, die zu einer Erhöhung der Suizidalitätsrate maßgeblich beitragen.
Die Frage "Cui bono?" sei hier also dringend zur Reflektion empfohlen...

Wolfgang Ebinger 04.04.201308:41 Uhr

Netzwerk mit Sozialkontakten

Wenn man die Menschheit insgesamt im Verlauf ihrer Geschichte betrachtet, fällt auf, dass die frühesten - und damit auch die für das Leben dauerhaft prägendsten - Sozialkontakte die Eltern-Kind-Beziehungen waren bzw. sind, die normalerweise sogar bis ins hohe Alter von Bestand haben. Demnach müsste eigentlich das globale Ziel (auch das politische Ziel) sein, diese natürlichen Sozialkontakte zu festigen und zu fördern.

Seltsamerweise beobachten wir in Deutschland genau das Gegenteil: die Eltern-Kind-Beziehung wird mit scheinlogischen Argumenten schrittweise abgebaut, indem selbst kleinste Kinder so früh wie möglich in Kinderkrippen verfrachtet werden, nur, damit Vater und Mutter das eigene wirtschaftliche Wohlstandswettrüsten aktiv vorantreiben können. Welch ein fataler Trugschluss, zu glauben, das wäre DIE Lösung!!!

Eine tragfähige Eltern-Kind-Beziehung entsteht nicht (kaum zu glauben!) durch ein hastig eingeflößtes Abendessen und einen flüchtigen Gute-Nacht-Kuss sondern durch eine permanente Stärkung des frühkindlichen Urvertrauens in verantwortungsbewusste Eltern durch möglichst jahrelangen ganztägigen vertrauten Umgang.

Wer das verkennt, der nimmt billigend in Kauf, dass er/sie in etlichen Jahrzehnten wohl dann auch in einem "Senioren-Paradies" wiederfinden wird.

Aber - trösten wir uns: es gibt ja für diese Fälle dann immer noch die Psychopharmaka. Und auch bestimmt irgend jemanden, der sie zahlt. Wahrscheinlich die arbeiteten Kinder. Denn für persönliche Besuche wird leider keine Zeit sein. Sie wissen ja: der Wohlstand muss gesteigert werden...

Der Sänger Harry Chapin hat diese Entwicklung bereits 1974 in seinem Song "Cat''s in the Cradle" in seinem Album Verities & Balderdash besungen.

Es handelt sich offenbar um eine immer wiederkehrende Volksdummheit - leider mit den allerschlimmsten sozialen Folgen.

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Zwischenfälle in der Chirurgie

Gossypibom: Vergessene Operationsunterlage postoperativ entdeckt

Lesetipps
Schutzmaßnahmen müssten immer wieder überprüft und angepasst werden, um unbefugte Zugriffe auf die Praxis-IT und damit auf die besonders sensiblen Patienten- und Abrechnungsdaten zu verhindern, so KBV-Vorstandsmitglied Dr. Sibylle Steiner.

© BRN-Pixel - stock.adobe.com

Cybersicherheit

IT-Sicherheitsrichtlinie gibt Arztpraxen ab Oktober neue Aufgaben

Bei der interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie arbeiten Ärzte, Psychologen und Physio- und Ergotherapeuten zusammen nach einem gemeinsamen Konzept.

© Getty Images / iStockphoto

Ambulante Angebote fehlen

Konservativ-multimodale Schmerztherapie – wo stehen wir?

Die Ärzte Zeitung hat jetzt auch einen WhatsApp-Kanal.

© prima91 / stock.adobe.com

News per Messenger

Neu: WhatsApp-Kanal der Ärzte Zeitung