Kleber und Knochen fürs Kniegelenk
Mit körpereigenen Zellen haben Chirurgen Kniegelenkdefekte bei jungen Patienten rekonstruiert.
Veröffentlicht:BERLIN (ner). Mit einem experimentellen Verfahren haben Unfallchirurgen an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) fünf Patienten im Alter von 24 bis 36 Jahren mit großen Defekten an den medialen Femur- und/oder Tibiakondylen behandelt.
Ursachen der Defekte waren Unfälle, avaskuläre Nekrose, Osteochondrosis dissecans oder Infektion nach Fraktur, wie Professor Michael Jagodzinski von der MHH beim Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) berichtet hat.
Mit einem Computer-Algorithmus und 3D-Daten - auch des gesunden kontralateralen Kniegelenks - wurden individuelle Implantatmodelle aus Kunststoff angefertigt (Rapid Prototyping).
Diese dienten intraoperativ dazu, mit einer Kopierfräse entsprechende Knochenimplantate aus körpereigenen Beckenkamm-Spänen herzustellen. Diese wurden dann mit Titanschrauben fixiert.
Kultivierte Knorpelzellen
Zudem waren bei den Patienten sechs bis acht Wochen vor der Op Knorpelzellen entnommen und kultiviert worden. Nach Implantation der Ersatzknochen-Stücke besiedelte der Operateur die neue Gelenkfläche mit den sogenannten Chondrosphären - dies sind Kügelchen mit je etwa 40.000 Knorpelzellen.
Diese Knorpelzell-Suspension verklebt nach 20 Minuten mit der Oberfläche. Meist waren zusätzliche Maßnahmen wie Tibiakopfosteotomien erforderlich.
Den Patienten blieb mit der Behandlung vorerst eine Endoprothese erspart; inzwischen wurden sie bis zu zwei Jahre nachuntersucht. Drei Monate nach der Op waren zudem arthroskopisch Biopsien entnommen worden.
Die SPECT (single photon emission computed tomography) ergab deutlich gesteigerte Knochenstoffwechsel ohne Zeichen von Transplantatnekrosen. Die Biopsien zeigten lebensfähigen subchondralen Knochen und hyalinen Knorpel.
Biologische Grenzen
Der Funktionsscore KOOS (Knee Injury Osteoarthritis and Outcome Score) verbesserte sich im Durchschnitt von initial 20 auf etwa 70 von 100 erreichbaren Punkten.
Die Implantate bauten sich im Verlauf entsprechend der mechanischen Belastung um - nicht belastete Areale lösten sich auf. Explantationen mussten nicht vorgenommen werden, die Patienten sind ohne Gehhilfen mobil.
Jagodzinski warnte vor überzogenen Hoffnungen: "Es wird sicher binnen zehn Jahren eine Progression der Arthrose eintreten", sagte er. Die Methode habe biologische Grenzen, die noch ausgelotet werden müssten.
Bei generalisierter Gelenksarthrose sei das Verfahren nicht geeignet. Für sehr große Defekte müssten womöglich gefäßgestielte Beckenkamm-Späne genutzt werden.