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Bei Blähungen wurde mit dem Klistier Nikotin verabreicht

Von Jürgen Schoen Veröffentlicht:

Tabak und sein Wirkstoff Nikotin galten über Jahrhunderte keineswegs als Gift, sondern sogar als Allheilmittel, etwa gegen Kopfschmerzen, Frostbeulen, Zahnschmerzen, Darmwürmer, Geschwülste und Asthma. Kein Wunder, daß bis ins 17. Jahrhundert Apotheken das Verkaufsmonopol für die aus Amerika eingeführte Droge hatten.

Eingesetzt wurde Nikotin als Saft oder Salbe. Natürlich durfte es auch geraucht werden. Oder der Stoff wurde per Klistier verabreicht, bei Magen-Darm-Erkrankungen wie Blähungen oder Verstopfungen, Nierenschmerzen, Epilepsie. Erstickte und Ertrunkene wollte man mit Rauch wieder zum Leben erwecken.

Erst in neuerer Zeit hat sich die Front der Tabakgegner formiert. Aus der Medizin ist er so gut wie verschwunden. Und drohte im 17. Jahrhundert Schülern in Eton die Prügelstrafe, wenn sie nicht als Pestprophylaxe rauchten, so werden Pennäler heute eher bestraft, wenn sie zum Glimmstengel greifen.

Die Ausstellung "Rauch-Zeichen" im Neusser Clemens-Sels-Museum erzählt die wechselvolle Kulturgeschichte des Tabakkonsums in Europa zwischen Verbot und Akzeptanz, als Wirtschaftsfaktor und tödliches Gift.

Hunderte Objekte zeigen, wie wichtig den Menschen der Tabakkonsum war. So wichtig, daß sie viel Geld und Zeit aufwandten, um das nach Alkohol populärste Genußmittel aufzubewahren und zu konsumieren.

Zu sehen sind kunstvoll geschnitzte Meerschaumpfeifen, fein ziselierte silberne Zigarettenetuis sowie Schnupftabakdosen aus Porzellan und Elfenbein. An den kostbaren Stücken lassen sich Wandel und Unterschiede im Tabakgenuß ablesen. So brachten die Spanier die südamerikanische Sitte des Tabakkauens nach Europa, während die Engländer den Tabak eher wie Nordamerikas Indianer rauchten.

Schnupftabak war zunächst dem Adel vorbehalten, ehe das Bürgertum diesem im 18. Jahrhundert nacheiferte. Erst im Biedermeier (1815-1850) wurde Rauchen Männersache, bis dahin herrschte Gleichberechtigung. Frauen wurden erst nach Ende des 2. Weltkriegs als Konsumentinnen wiederentdeckt.

Auch die aktuelle Diskussion ums Rauchen und die ambivalente Haltung des Staates dazu greift die Ausstellung auf. So kassiert der Staat einerseits Steuern, andererseits hat er das Rauchen als Gefahr für die Gesundheit erkannt und warnt vor dem Genuß.

In dicken Internetausdrucken kann der Ausstellungsbesucher die Zusatzstoffe nachlesen, die den auf dem Markt angebotenen Zigaretten und Zigarren sowie Tabak beigemischt sind. Bei Zigaretten finden sich etwa Milchsäure, Calciumcarbonat, Lakritz oder krebserregendes Menthol, beim Tabak für Pfeife oder zum Selbstdrehen Ethanol, Heliotropin, Sorbit, Benzylalkohol, Natriumbenzoat oder Glycerin.

Ob sich Raucher deshalb von der lieb gewonnenen Gewohnheit abhalten lassen? Ein Blick in die Geschichte läßt da Zweifel aufkommen: Die Hinrichtung von 25 000 Menschen, die unter Sultan Murads Herrschaft (1623-1640) gegen das Rauchverbot verstießen, hatte bekanntlich keine anhaltende abschreckende Wirkung.

Die Ausstellung "Rauch-Zeichen" ist noch bis zum 6. November im Clemens-Sels-Museum, Neuss, Am Obertor, Telefon 0 21 31- 90-41 41 zusehen, und zwar Dienstag bis Samstag von 11 bis 17 Uhr sowie sonn- und feiertags von 11 bis 18 Uhr.

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