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Überflüssige Fischöl-Kapseln

Sie schützen, sie schützen nicht: Was Omega-3 bei Herzpatienten ausrichten kann, wurde in der Vergangenheit ganz unterschiedlich bewertert. Jetzt setzt eine neue Studie einen drauf: Die Kapseln sind ohne Wirkung.

Von Beate Schumacher Veröffentlicht:
Fisch und Fischölkapseln haben unterschiedlichen Nutzen.

Fisch und Fischölkapseln haben unterschiedlichen Nutzen.

© Matthew / Shutterstock

MÜNCHEN. Die ersten Hinweise auf eine mögliche Schutzwirkung von Fischöl kamen in den 1970er-Jahren von den Inuit in Grönland.

Epidemiologen war aufgefallen, dass ihre Herzinfarktrate um 90 Prozent niedriger lag als die Herzinfarktrate der dänischen Bevölkerung.

Die Inuit ernährten sich damals noch weitgehend von Wal- und Robbenfleisch, das einen außergewöhnlich hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren hat. Daher wurde postuliert, dass die mehrfach ungesättigten Fettsäuren gefäßprotektiv wirken.

Wissenschaftliche Unterstützung für diese Hypothese lieferte 1989 die Studie DART 1: Bei männlichen Postinfarktpatienten, die zwei- bis dreimal in der Woche fetten Fisch aßen, war die 2-Jahres-Mortalität um beeindruckende 29 Prozent reduziert.

Bestätigt wurden diese Daten dann zehn Jahre später durch die berühmte GISSI-Studie, ebenfalls bei Postinfarktpatienten. Hier bestand die Therapie aus täglich 885 mg marinen Omega-3-Fettsäuren (Eicosapentaensäure, EPA, plus Docosahexaensäure, DHA).

Die Hälfte der 11.324 Studienteilnehmer wurde damit behandelt - und hatte nach 3,5 Jahren eine um relativ 15 Prozent niedrigere Rate an Todesfällen und nicht tödlichen kardiovaskulären Ereignissen als die unbehandelte Kontrollgruppe.

Spekulation über den Mechanismus

Eine weitere Großstudie mit positivem Ausgang war 2007 die JELIS-Studie: 18.645 Japaner mit Hypercholesterinämie hatten 4,6 Jahre lang ein Statin allein oder in Kombination mit 1,8 g/d EPA erhalten.

Mit EPA fiel das relative Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse um 19 Prozent niedriger aus. Auch bei Herzinsuffizienzpatienten zeigte sich in der GISSI-HF-Studie unter Omega-3-Fettsäuren (1 g/d) zumindest ein "kleiner Vorteil" in puncto Überleben und kardiovaskuläre Morbidität.

Über den Mechanismus des Gefäßschutzes wurde viel spekuliert. So gab es unter anderem den Nachweis, dass Omega-3-Fettsäuren den Triglyzeridspiegel absenken.

Darüber hinaus wurden auch eine antiarrhythmische Wirkung und sogar thrombozytenhemmende und blutdrucksenkende Effekte als Ursache vermutet.

In nachfolgenden großen Studien mit Postinfarktpatienten - Alpha-Omega, OMEGA und SU.FOL.OM3 - konnte der postulierte kardiovaskuläre Nutzen der Omega-3-Fettsäuren jedoch nicht reproduziert werden.

Die Einnahme von 400 bis 1000 mg EPA/DHA pro Tag führte bei den bereits optimal mit Lipidsenkern, Antihypertensiva und Antithrombotika behandelten Patienten zu keinem weiteren Rückgang der Mortalität oder der kardiovaskulären Ereignisrate.

Auch in der Primär- und Sekundärprävention von leitliniengerecht behandelten Diabetikern in der ORIGIN-Studie erwies sich täglich 1 g EPA/DHA-Supplement als nutzlos.

Eine Metaanalyse kommt jetzt ebenfalls zu dem Schluss, dass "bei verschiedenen Patientenpopulationen zwischen der Einnahme von Omega-3-Fettsäuren und kardiovaskulären Ereignissen kein signifikanter Zusammenhang zu erkennen ist" (JAMA 2012; 308: 1024).

Fisch gehört weiter auf den Tisch

Professor Jochen Senges aus Ludwigshafen, Leiter der OMEGA-Studie, hat dieses Ergebnis erwartet. "Wir haben in unserer Studie überhaupt keinen zusätzlichen Nutzen gesehen", sagte Senges der "Ärzte Zeitung".

Wenn Postinfarktpatienten leitliniengerecht behandelt würden, also nach Revaskularisierung eine Therapie mit Statin, Betablocker, ACE-Hemmer und ASS erhielten, dann sei dies offensichtlich nicht zu erwarten.

Dagegen seien in älteren Studien wie GISSI die Patienten "bei Weitem nicht nach heutigem Standard behandelt worden". Dies erkläre vermutlich auch die positiven Ergebnisse der Omega-3-Fettsäure-Supplementierung.

Die neuen Erkenntnisse sind in der neuen Herzinfarkt-Leitlinie der europäischen Kardiologen-Gesellschaft (ESC) berücksichtigt: "Die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren konnte (...) in Studien mit zeitgemäßen evidenzbasierten Präventionsstrategien die klinischen Ergebnisse nicht verändern und kann daher nicht als Standard empfohlen werden", heißt es dort.

Ist mit dem Fischöl auch die Empfehlung vom Tisch, regelmäßig Fisch zu essen? "Nein", sagt Senges, "diese Empfehlung ist weiter gerechtfertigt. Fisch besteht ja nicht nur aus Omega-3-Fettsäuren, sondern ist als Bestandteil einer kardioprotektiven mediterranen Kost sicher sinnvoll."

Auch nach der ESC-Leitlinie zur Herz-Kreislauf-Prävention sollte mindestens zweimal in der Woche Fisch auf dem Speiseplan stehen.

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Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler 18.09.201215:35 Uhr

Watt'' n Hallas mit Hellas?

Auch diese Studie hellenischer Autoren folgt dem immerwährenden Prinzip der konturlosen, im statistischen Grundrauschen zu keiner klaren Aussage fähigen Metaanalyse. Man loggt sich mit einer X-beliebigen Fragestellung in einschlägige Datenbanken ein, findet ein Sammelsurium in sich widersprüchlicher Untersuchungsergebnisse - hier bis zum August 2012??? - und publiziert ein fertiges Elaborat bereits am 12. September 2012 im JAMA! Da hat offensichtlich die "Peer-Review" versagt oder gar nicht erst stattgefunden?

Ach ja, vorher fummelt man an den Studiendaten ein wenig herum - und fertig ist eine (pseudo)wissenschaftliche Aussage ("Data Sources: MEDLINE, EMBASE, and the Cochrane Central Register of Controlled Trials through August 2012. Study Selection: Randomized clinical trials evaluating the effect of omega-3 on all-cause mortality, cardiac death, sudden death, myocardial infarction, and stroke. Data Extraction: Descriptive and quantitative information was extracted; absolute and relative risk (RR) estimates were synthesized under a random-effects model". Die Bedeutung von "synthesized" soll jede/r Leser/in selbst assoziieren.

Bei den Schlussfolgerungen waren die Autoren wenig zimperlich: K e i n Nutzen von Fischöl-Kapseln bei harten Endpunktdaten nachgewiesen ("Conclusion: Overall, omega-3 PUFA supplementation was not associated with a lower risk of all-cause mortality, cardiac death, sudden death, myocardial infarction, or stroke based on relative and absolute measures of association").

Auch Europäische Leitlinien zur Herz-Kreislauf-Prävention vom 3. Mai 2012
http://www.escardio.org/about/press/press-releases/pr-12/Pages/new-european-guidelines-cardiovascular-prevention.asp
ergeben kein Fischöl-Präventions-Rating. Doch Seefische mit ihrem Gehalt an Jod, Eiweiß, Spurenelementen und langkettigen mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren (n-3 LCPUFA = n-3 long chain polyunsaturated fatty acid) werden in industrialisierten Ländern mit hohem Risiko von Adipositas, Hyperlipidämie, Hypertonie und metabolischem Syndrom nach wie vor kardioprotektiv eingeschätzt. Atlantischer Lachs hat 1,8 %, Sardellen 1,7 %, pazifische Sardinen 1,4 %, atlantischer Hering 1,2 % und die Makrele einen Gehalt von 1 % O-3-FS = n-3 LCPUFA. 300 g Lachs als Großportion hätte dann etwa 5400 mg und 300 g Makrele 3000 mg Omega-3-Fettsäuren gebracht. Extraportionen Leinöl (Linum usitatissimum) mit 56–71 % O-3-FS-Gehalt oder Walnussöl mit 13 %, könnten diese Nahrungszufuhr steigern.
Zum Vergleich: In einer omega3-loges® Kapsel sind 504 mg O-3-FS angegeben, davon 420 mg an Eicosapentaen- + Docosahexaensäure. Omacor®/Zodin® enthalten je Kapsel 840 mg veresterte O-3-FS. Wobei mir niemand die Frage beantworten konnte, ob die Veresterung in diesen Präparaten nicht deren Wirkung einschränken könnte. Einige Kommentatoren ''schwören'' auf ihr Fischöl: Subjektiv verständlich und glaubhaft; aber fast alle Studiendaten ergeben keine statistisch ableitbare, generelle Leitlinien-Empfehlung.

Bis dahin viel Fisch, wenig(!) Alkohol und mediterrane Kost zur Verringerung des kardiovaskulären Risikos: http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/herzinfarkt/article/812172/herzinfarkt-zwei-drinks-geringere-sterberate.html?sh=17&h=-685520773

Übrigens "Watt'' n Hallas!" heißt im Ruhrgebiet "Was für ein'' Stress!" und ist der Titel für hochkarätig besetzte Comedy - ein jährliches Festival im Dortmunder Fritz-Henßler-Haus. Wie wär''s mit einer neuen Metaanalyse zu den Suchbegriffen Stress, Spaß, Comedy und harten Endpunkten?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


Dr. Manfred Conradt 18.09.201210:28 Uhr

Schon klar

Schon klar, warum Naturprodukte nehmen, wenn es auch mit Medikamenten, die wirtschaftlicch mehr Sinn machen, geht!!
Dr. med. Manfred Conradt, Internist und Ernährungsmediziner

Rudolf Kubina 18.09.201208:50 Uhr

Fisch

Studien hin, Studien her - da ich kein Fisch mag, nehme ich weiterhin 1 Omacor/d und gut ist''s..... ;-P

Dr. Fritz Gorzny 18.09.201208:30 Uhr

Fischöl ist wohl zu billig

Vor 15 Jahren hatte ich mein "kardiales Ereignis" mit nachfolgenden Bypässen und Schrittmacherimplantation, der kürzlich wegen Energiemangel der Batterie ambulant erneuert wurde. Die leitliniengerechte Therapie mit Betablockern,Lipidsenkern etc ist mir damals überhaupt nicht bekommen und viele meiner damaligen Mitpatienten sind unter dieser Therapie längst verstorben. Ich habe damals "eigenmächtig" meine Therapie auf 1 Tabl. ASS100 und eine Kapsel Omega 3 Fettsäure reduziert und lebe seitdem ohne jede Nebenwirkung froh und munter.Die Kosten trage ich , da monatlich weit unter 10 Euro, selbst. Wer hat diese Studien gesponsert?

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