Leitartikel

Weltmeister im OP? Mehr Licht, bitte!

Trotz eines aktuellen Gutachtens: Warum Kliniken in Deutschland Op-Weltmeister sind, bleibt im Dunkeln. Aufklärung war nie das Ziel der Untersuchung zur Mengenentwicklung. Doch für ihre Pro-Forma-Studie hat die Selbstverwaltung 90.000 Euro versenkt.

Anno FrickeVon Anno Fricke Veröffentlicht:
Blick in den OP: Wieder ein "unnötiger" Eingriff?

Blick in den OP: Wieder ein "unnötiger" Eingriff?

© Maurizio Gambarini / dpa

Wer von dem Forschungsbericht zur Mengenentwicklung in Krankenhäusern eindeutige Antworten erwartet hat, warum in Deutschland im internationalen Vergleich je 100.000 Einwohner mehr Hüft- und Kniegelenke ausgetauscht sowie mehr perkutane Koronar-Interventionen vorgenommen werden, muss nicht allzu enttäuscht sein, warum Antworten ausbleiben.

Aufklärung war nie das Ziel des Forschungsauftrags. Dabei ging es immer nur darum, die Auseinandersetzungen darüber, warum Deutschland Op-Weltmeister sein könnte, aus dem Wahlkampf herauszuhalten.

Das Ziel hieß Zeitgewinn. Augenzwinkernd verweisen Vertreter des GKV-Spitzenverbandes darauf, dass sich die Selbstverwaltung in dieser Angelegenheit als verlässlicher Partner der Politik erwiesen habe.

Schon die Genese des Auftrags lässt aufmerken. Der damalige Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) wollte den Auftrag im August 2012 nicht etwa selbst vergeben. Das überließ er der Selbstverwaltung, also der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem GKV-Spitzenverband. Dritter im Bunde waren die privaten Versicherer (PKV).

Kostenträger und Leistungserbringer mussten sich also in der Auseinandersetzung um die unbestritten hohen Operationszahlen in Deutschland schon im Vorfeld der Ausschreibung auf die wissenschaftlichen Fragestellungen der Forschungsarbeit einigen.

So etwas kann dauern.

Als die Unterlagen für die europaweite Ausschreibung im Frühjahr 2013 dann vorlagen, im Sommer hätte der Bericht eigentlich fertig sein sollen, rieben sich die Experten verwundert die Augen. "Das Gutachten wird nichts beantworten", sagte damals Professor Reinhard Busse von der Technischen Universität in Berlin.

Grund sei, dass lediglich aggregierte Daten zur Verfügung gestellt würden. Mit anderen Worten: Es zeichnete sich bereits damals ab, dass die Kernfrage nicht beantwortet werden würde.

Sie lautet: Sind die Veränderungen der Fallzahlen medizinisch indiziert, oder nicht? Zudem ließ sich zum Beispiel nicht ermitteln, wie sich die Zunahme der Fallzahlen in den Jahren 2007 bis 2012 auf die privaten, freigemeinnützigen und öffentlichen Träger verteilt.

Die TU zog ihre Bewerbung daraufhin zurück. Busse beteiligte sich aber als Ko-Autor an dem Forschungsbericht. "Eine Makroanalyse wird uns nicht helfen", sagte auch die Gesundheitsweise Professorin Marion Haubitz. Die Daten müssten weit auf die regionale Ebene heruntergebrochen werden, um aussagefähig zu werden.

Hätte wirklich jemand der Beteiligten Interesse an solchen Aussagen gehabt? Hätte der GKV-Spitzenverband gewollt, wenn sich herausgestellt hätte, dass die Zunahme der Fallzahlen ausschließlich auf die Alterung der Gesellschaft und die damit verbundene Zunahme der Morbidität zurückzuführen sei, was er immer bestreitet? Oder dass in anderen Ländern nur deshalb weniger operiert werde, weil sie zu wenige Krankenhauskapazitäten vorhielten?

Hätte die Deutsche Krankenhausgesellschaft gewollt, wenn sich herausgestellt hätte, dass in Deutschlands zahlreichen Operationssälen Beutelschneider am Werk seien, die eine schnelle Operation der sorgfältigen Anamnese, Diagnose und konservativen Therapie vorziehen würden?

Der gesetzliche Auftrag an die Selbstverwaltung lautet, nach Veröffentlichung des Gutachtens zu gemeinsamen Empfehlungen zu kommen. Vertreter des GKV-Spitzenverbandes haben bereits anklingen lassen, dass solche Empfehlungen noch lange auf sich warten lassen könnten.

Es könne auch sein, dass die Selbstverwaltungspartner sich nicht einmal auf eine einzige gemeinsame Empfehlung verständigen.

Solange die wissenschaftliche Analyse nicht tiefer gehen kann, hat jeder Recht. An diesem Zustand besteht bei allen Beteiligten Interesse. Das Gesundheitsministerium hat bislang keine Stellung zu dem Forschungsbericht bezogen. Der werde in die Bund-Länder-Arbeitsgruppe durchgewunken, die derzeit und noch mindestens bis Ende des Jahres eine Klinikstrukturreform berät, hieß es dazu.

Dort und im noch zu gründenden Qualitätsinstitut für die stationäre Versorgung soll wohl weitere Zeit gewonnen werden, bevor feststehen darf, was tatsächlich hinter den OP-Zahlen in Deutschland steckt.

Möglicherweise sogar über die nächsten Wahlen hinaus. Dann übrigens liegen die Zeiträume, in denen manche Op-Zahlen Fragen aufgeworfen haben, schon eine Weile zurück. Es gibt ernst zu nehmende Hinweise darauf, dass es seit 2012 bereits deutlich weniger Gelenkaustauschoperationen gibt.

Apropos Ausschreibung und Zeit schinden: Die Pflicht, Forschungsvorhaben ab einem bestimmten Volumen europaweit ausschreiben zu müssen, zogen GKV und DKG gerne zur Begründung der Verzögerungen heran. Ab 193.000 Euro müssen solche Arbeiten tatsächlich ausgeschrieben werden. 90.000 Euro hat die Forschungsarbeit letztendlich gekostet. Honi soit qui mal y pense.

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Kommentare
Carsten Windt 17.07.201418:00 Uhr

Wirklich zu viele Operationen?

Der pure Vergleich der einzelnen Staaten bringt, angesichts von Budgetierungen, Wartezeiten und Ethikkommisionen in anderen Ländern, nichts.
Wenn Kranke Monatelang auf eine wichtige OP warten oder eine sogenannte Ethikkomission sich gegen eine OP entscheidet läuft etwas verkehrt.

Nicht umsonst herrscht in Deutschland ein reger OP-Tourismus aus dem EU-Ausland. Hier bekommen die Patienten die nötige OP, welche im eigenen Land verwehrt wurde

Dr. Thomas Georg Schätzler 16.07.201410:59 Uhr

Bitte k e i n e Demagogie um OP-Zahlen!

Vertreter des GKV-Spitzenverbandes Bund (SpiBu) haben nun wirklich nicht den leisesten Grund, spitzbübisch "mit den Augen zu zwinkern"! Sie und der Verband der Privaten Krankenversicherer (PKV-Verband) hocken seit Jahrzehnten auf riesigen Datenmengen, OP-Kennzahlen, Dokumentationen stationärer Prozeduren, aufbereiteten DRG''s ("diagnosis related groups"), Prozess- und Ergebnis-strukturierten Abrechnungen etc.

D a r i n liegt der Hund begraben: Dass operative Interventionen, speziell bei Privatversicherten, von mehreren Fachdisziplinen mehrfach dokumentiert und abgerechnet werden. Dass auf Grund der gestiegenen Anspruchshaltung, Rundum-Versorgungsmentalität und vorhandenen OP-Kapazitäten bzw. des demografischen Faktors bei GKV-Versicherten bevorzugt einzelabrechnend m e h r e r e Eingriffe hintereinander durchgeführt werden müssen. D o r t liegen die unerledigten Hausaufgaben der Kranken-Versicherer!

In den USA werden seit Jahrzehnten Krankheits- und Versicherungs-epidemiologische Daten von Health Maintenance Organizations (HMOs), PPOs (Preferred Provider Organizations) und den großen Versicherungskonzernen wie "Kaiser Permanente", die selbst umfassende medizinische, klinisch-ambulante Versorgungssysteme vorhalten, erhoben, aufbereitet, analysiert und publiziert. Daran sollten sich unsere "verschnarchten" Sozialversicherungs-Spezialisten ein Beispiel nehmen, bevor populistisch mit freihändig hochgeschätzten OP-Zahlen und anderen Eckdaten zu Gesundheit und Krankheit in Deutschland bzw. im internationalen Vergleich jongliert wird.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Egon Schumann 16.07.201408:13 Uhr

Nur Mut ...

Deutschland ist nach Österreich, im OECD Vergleich, hinsichtlich seiner Klinikleistungen weltmeisterlich und dies mit steigender Tendenz. Infolge der politisch strikten Systemtrennung zwischen stationären und ambulanten Leistungen ist es nicht fair den Kliniken vorzuwerfen in die Menge zu gehen. Die Kliniken verhalten sich so wie das System es anreizt "Geld folgt der Leistung Herr Tuschen" . Politik, Selbstverwaltung liberalisieren sie den ambulanten und stationären Markt. Nur Mut, der Patient wird es ihnen danken.
Egon Schumann

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