WIdO-Institut

Altenpflege droht personeller Kollaps

Deutschland kriegt graue Haare, und die Altenpflege braucht Tausende neue Fachkräfte. Das zeigt der aktuelle Pflege-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

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Bis 2030 werden den Berechnungen zufolge rund 720.000 Pflegeprofis benötigt.

Bis 2030 werden den Berechnungen zufolge rund 720.000 Pflegeprofis benötigt.

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BERLIN. Der Altenpflege in Deutschland droht der Personalnotstand. So benötigen Pflegeheime und ambulante Einrichtungen der Langzeitpflege laut Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) bis zum Jahr 2030 rund 130.000 zusätzliche Fachkräfte. Wo diese herkommen sollen, steht in den Sternen.

Schon heute klaffe eine Lücke zwischen der Zahl der benötigten Pflegekräfte und den tatsächlich vorhandenen, teilten die WIdO-Forscher anlässlich der Veröffentlichung des neuen Pflege-Reports 2019 am Montag mit. Grund für den hohen Personalbedarf sei die Alterung der Gesellschaft.

Eine Million Pflegekräfte 2050 nötig?

Hochgerechnet auf Vollzeitstellen pflegen und betreuen laut Report derzeit knapp 590.000 Pflegekräfte gesetzlich versicherte Pflegebedürftige. Bis 2030 werden den Berechnungen zufolge rund 720.000 Pflegeprofis benötigt. Bis 2050 steigt der Bedarf sogar auf knapp eine Million.

„Dabei sind weitere Einflüsse auf den Personalbedarf in unserer Projektion noch gar nicht abgebildet“, sagte Dr. Antje Schwinger, Leiterin des WIdO-Forschungsbereichs Pflege und Mitherausgeberin des Reports.

So entwickele sich die Zahl Pflegebedürftiger stets schneller als sich aus der demografischen Entwicklung ablesen lasse. Auch die im Rahmen der Konzertierten Aktion Pflege (KAP) angekündigten Regelungen für eine bessere Personalbesetzung seien in den Prognosen noch nicht berücksichtigt. Die Mitglieder der KAP hatten sich erst kürzlich darauf verständigt, für eine „am Bedarf ausgerichtete Personalausstattung“ in Pflegeheimen und Kliniken sorgen zu wollen.

Pflegerat: Prognosen alarmierend

Wie sich der Bedarf an Pflegefachpersonal entwickelt, ist naturgemäß eng mit der Entwicklung der Pflegebedürftigkeit verknüpft. Laut Report waren 2017 etwa 4,6 Prozent der knapp 73 Millionen gesetzlich Versicherten auf Pflege angewiesen. Ihr Anteil steigt den WIdO-Berechnungen zufolge bis zum Jahr 2030 auf 5,5 Prozent und bis 2050 auf 7,4 Prozent.

Diese Entwicklung fällt wegen der jeweiligen Altersstruktur in den Bundesländern unterschiedlich aus. So reichte die Spanne des pflegebedürftigen Bevölkerungsanteils laut Report im Jahr 2017 von 3,5 Prozent in Bayern bis 6,7 Prozent in Brandenburg. Für 2030 sagen die Forscher Anteile zwischen 4,1 Prozent in Bayern und 8,8 Prozent in Brandenburg voraus.

Der Deutsche Pflegerat nannte die Prognosen „alarmierend“. Nun räche sich, dass die Ausbildungskapazitäten in den vergangenen zehn Jahren runtergefahren und rund 100.000 Ausbildungsplätze in der Pflege gestrichen worden seien, sagte Ratsmitglied Rolf Höfert der „Ärzte Zeitung“. Jetzt sei „mehrgleisig“ zu fahren. „Allein auf neue Pflegekräfte aus dem Ausland zu setzen, reicht nicht“, so Höfert. (hom)

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Kommentare
Kurt-Michael Walter 09.07.201915:31 Uhr

"Nun orakeln sie wieder": Vom Nutzen nicht zutreffender Prognosen und Horoskopen


Von Wirtschaftswissenschaftlern ist schon seit längerer Zeit zu hören: "Prognosen haben sehr an Bedeutung verloren. Wenn man in den letzten Jahren das Gegenteil davon tat, was die Prognosen von Forschungsinstituten rieten, lag man richtig".

Folglich, wenn also Zukunft zwar berechenbar ist, die Prognosen aber nicht immer richtig liegen, welchen Nutzen haben dann nicht zutreffende Bedarfspläne?

Wäre die Zukunft aber berechenbar, würde sie deshalb auch so eintreten? Die Frage stellen heißt, sie verneinen. Die Zukunft ist eben nicht die Extrapolation der Vergangenheit. Der Wissenschaftler Charles Armes meint im Hinblick auf die empirische Analyse viele Forscher/Planer hätten eine Art Tunnelperspektive, die lediglich auf einer gradlinigen Extrapolation früherer Perioden beruht.

Fazit: Wenn der Deutsche Pflegerat e.V. mal wieder die Trommel schlägt und sich auf aktuelle Prognosen beruft die die Zukunft für das Jahr 2050 orakeln sollten die politischen Entscheidungsträger nicht gleich in Aktionismus verfallen.



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