Deutschland

Jodversorgung noch nicht optimal

Ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland ist einer aktuellen Studie zufolge nicht ausreichend mit Jod versorgt.

Veröffentlicht:

BONN. "Auch wenn sich die Jodversorgung in Deutschland heute im unteren wünschenswerten Bereich befindet, sind doch zirka 30 Prozent der Bevölkerung nicht ausreichend mit dem Spurenelement versorgt".

So fasst Professor Thomas Remer, Wissenschaftler des Dortmunder Außenlabors "DONALD Studie" der Universität Bonn und stellvertretender Sprecher des Arbeitskreises Jodmangel e.V. (AKJ), die Ergebnisse des Jodmonitorings aus der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) in einer Mitteilung des AKJ zusammen.

Besonders bei Risikogruppen wie Schwangeren und Stillenden bestünde die Gefahr der Unterversorgung, teilt der AKJ mit. Das Problem: "In Deutschland erfolgt die Jodaufnahme hauptsächlich über jodiertes Speisesalz", so Remer.

Allerdings tragen die zu Hause aufgenommenen Salzmengen nur mit einem recht mäßigen Anteil zur Gesamtjodversorgung bei. "Kinder und Erwachsene ernähren sich zunehmend von Fertigprodukten oder essen außer Haus", so Remer.

Schätzungsweise 80 Prozent des täglichen Salzkonsums werden durch handwerklich oder industriell verarbeitete Fertiglebensmittel gedeckt. In Deutschland sind derzeit jedoch weniger als 30 Prozent davon jodiert. "Das liegt weniger an der mangelnden Bereitschaft der Lebensmittelindustrie, sondern vielmehr an internationalen Handelshemmnissen", wird Professor Rolf Großklaus in der Mitteilung des AKJ zitiert.

Der ehemaliger Fachgruppenleiter für Diätetische Lebensmittel, Ernährung und Allergien am Bundesinstitut für Risikobewertung appelliert daher an die Entscheider der Lebensmittelindustrie, das "gesundheitsfördernde Jod-Salz" auf Basis des geltenden nationalen Rechts in ihren Produkten stärker einzusetzen.

"Mit durchschnittlich 125 µg pro Tag liegt die durchschnittliche Jodversorgung unterhalb der von der WHO geforderten Zufuhr", so Remer.

Wird zu viel Salz konsumiert?

Der repräsentative Wert stammt aus dem aktuellen Jodmonitoring, welches das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft im Rahmen des RKI-Gesundheitssurveys für Erwachsene (DEGS) beauftragt hat. Nach den ausgewerteten Ergebnissen ist Deutschland zwar aktuell kein Jodmangelgebiet.

Diese Aussage gelte jedoch nur für den Bevölkerungsdurchschnitt. Das Jodmonitoring habe auch gezeigt, dass bei etwa einem Drittel der Bevölkerung die Jodversorgung nicht ausreicht. Bevölkerungsübergreifend sei die Jodversorgung somit weiterhin ungenügend - und das, obwohl die Deutschen insgesamt eher zu viel als zu wenig Salz konsumieren.

Auch das ist laut Remer ein Ergebnis der DEGS-Studie.

Demnach liegt der Verzehr pro Kopf und Tag bei durchschnittlich acht bis zehn Gramm statt der empfohlenen fünf bis sechs Gramm.

Dies gilt im Übrigen für viele europäische Länder , wie Remer bemerkt, weshalb sich die politischen Bestrebungen in der Union derzeit auf eine Reduktion des Salzkonsums konzentrieren. Und genau darin besteht nach Remer eine Gefahr.

Denn: "Wenn die Bemühungen zur Salzreduktion greifen, also auch weniger Jodsalz verbraucht wird, droht Deutschland im schlimmsten Fall wieder zum Jodmangelgebiet zu werden. Das soll aber nicht heißen, dass weniger Salz schlecht ist. Problematisch ist vielmehr, dass ein Großteil des Verzehrs aus unjodierten Salzquellen wie Brot, Wurstwaren und Fertiglebensmitteln stammt. Wären die empfohlenen fünf bis sechs Gramm pro Tag ausschließlich Jodsalz, würde dies zusammen mit den natürlichen Jodquellen wie Milchprodukten und Seefisch zur präventiv notwendigen Sättigung der Schilddrüse vollkommen ausreichen." (eb)

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Kommentare
Irene Gronegger 13.03.201516:41 Uhr

Mehr Jod für alle - ein Rezept von gestern

Wenn man herausfinden möchte, wie viel Jod die Menschen aufnehmen, wieso geht man dann nicht auch den direkteren Weg und untersucht den Jodgehalt von Lebensmitteln im Labor?

Die Ernährungswissenschaft arbeitet teils noch mit Zahlen aus Zeiten, zu denen die Tierfutterjodierung noch nicht üblich war, und populäre Verlage verbreiten veraltete Lebensmitteltabellen, sodass ein Update überfällig wäre, das betrifft besonders die Milch.

Jodsalz, Seefisch und Milchprodukte sind aber nicht einmal die einzigen relevanten Jodquellen. Auch Eier sowie Kekse und Süßigkeiten, die einige Prozent Molkepulver enthalten, dürften merkliche Mengen beisteuern. Hinzu kommen bei einem Teil der Bevölkerung noch molkehaltige Diätdrinks, jodhaltige Multipräparate zur Nahrungsergänzung, Sushi mit Meeresalgen und Lifestyle-Produkte mit Algenpulver.

Was das angeblich drohende Jodmangelgebiet angeht: Ärzte sollten keine Gebiete behandeln, sondern Menschen, deren Jodbedarf individuell sehr unterschiedlich ausfallen kann. Manche Menschen rauchen, andere nicht, einige haben Hashimoto und Basedow in der Familie, andere Knotenstrumen. Warum sollte also jeder gleich viel Jod aufnehmen und sich an der Urinausscheidung fremder Leute messen lassen? Wie könnte man die Jodversorgung auf das Individuum abstimmen und besser über den tatsächlichen Jodgehalt heutiger Lebensmitteln informieren? Anstatt diese Herausforderungen anzunehmen, setzen die Dinosaurier vom Arbeitskreis Jodmangel immer noch auf kollektivistische Lösungen.

Freundliche Grüße
Irene Gronegger
Ratgeberautorin
www.schilddruesen-unterfunktion.de

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