Eisenmangel-Anämie

Auslöser für Hörsturz?

Vaskuläre Störungen werden schon länger als möglicher Pathomechanismus des akuten sensorineuralen Hörverlustes diskutiert. Neu ist der Hinweis auf eine Eisenmangel-Anämie als Auslöser.

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Einer Hypothese zufolge wird ein Hörsturz durch eine Mangeldurchblutung im Innenohr ausgelöst. Nachweisen ließ sich das bisher allerdings nicht.

Einer Hypothese zufolge wird ein Hörsturz durch eine Mangeldurchblutung im Innenohr ausgelöst. Nachweisen ließ sich das bisher allerdings nicht.

© alexluengo / iStock / Thinkstock

TAIPEH. Gefäßkomplikationen wie Thrombose, verminderte Durchblutung oder Vasospasmen wird bei der Entstehung eines Hörverlustes eine wichtige Rolle zugeschrieben. Patienten mit Sichelzellenanämie haben dementsprechend ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Ob eine Anämie generell die Hörsturz-Neigung fördert, ist unklar.

In einer taiwanischen Fall-Kontroll-Studie wurde nun ein Zusammenhang mit einer Eisenmangel-Anämie gefunden. Patienten mit Hörsturz waren davon signifikant häufiger betroffen als Personen mit intaktem Gehör (JAMA Otolaryngol Head Neck Surg 2014, online 13. März).

4004 zufällig ausgewählten Hörsturz-Patienten aus einem landesweiten Register wurden 12.012 gesunde Kontrollpersonen mit demselben Alter und Geschlecht gegenübergestellt. Eine Eisenmangel-Anämie vor dem Index-Zeitpunkt war bei 4,3 Prozent der "Fälle" und 3,0 Prozent der Vergleichspersonen aufgetreten.

Berücksichtigte man Unterschiede zwischen den beiden Gruppen, etwa die höhere Prävalenz von Begleiterkrankungen wie Diabetes, Hypertonie, Hyperlipidämie und Nierenerkrankungen in der Hörsturz-Gruppe, dann hatten die Erkrankten mit größerer Wahrscheinlichkeit früher an einer Eisenmangel-Anämie gelitten als die gesunden Kontrollen (Odds Ratio, OR 1,34). Besonders ausgeprägt war diese Assoziation bei den unter 45-Jährigen (OR 1,91). Bei den über 65-Jährigen war sie nicht mehr nachweisbar.

Eisenmangel-Anämie "aggressiver" behandeln

Wegen des möglichen kausalen Zusammenhangs empfehlen die Studienautoren von der Universität Taipeh, "bei Patienten mit akutem sensorineuralem Hörverlust eine zugrunde liegende Eisenmangel-Anämie in Erwägung zu ziehen". Außerdem sollte eine bestätigte Eisenmangel-Anämie, vor allem bei jüngeren Patienten, aggressiver behandelt werden, um so eventuell das Risiko eines späteren Hörverlustes zu senken.

Mechanistisch passt die beobachtete Assoziation zur Hypothese, dass der Hörverlust durch eine hämodynamische Störung hervorgerufen wird. Alternativ könnte der veränderte Eisenmetabolismus direkt als Trigger wirken: Im Experiment konnte bei Ratten durch eine eisenarme Ernährung ein akuter sensorineuraler Hörverlust ausgelöst werden. Außerdem könnten Eisenmangel und Hörsturz auch Folgen desselben Problems sein, etwa einer Autoimmunerkrankung. (bs)

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Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler 22.04.201415:30 Uhr

Zulässiger Sarkasmus beim Hörsturz?

Allgemeine Verwirrung bei theoretisch möglichen Ursachen für Hörsturz (SSHL) "Sudden Sensorineural Hearing Loss": Keiner hat die passende Theorie, Experten und Laien reden wild durcheinander, keiner weiß Bescheid. Am besten spiegelt dies die beliebte "Apotheken-Umschau" wieder. Unter
http://www.apotheken-umschau.de/Ohren/Hoersturz-Ursachen-11708_2.html
heißt es: "Dazu haben Mediziner verschiedene Theorien. Wirklich bewiesen ist aber noch keine: ... nicht selten streikt das Hörorgan genau dann, wenn der Stress am größten ist. Doch ein Zusammenhang konnte bis heute nicht bewiesen werden. Es gibt zwar allgemeine Hinweise, dass uns Dauerstress nicht gut tut. Theoretisch ist es auch denkbar, dass Stress Entzündungen oder Durchblutungsstörungen im Ohr begünstigen könnte."

Beim Thema Durchblutungsstörungen und deren mögliche Ursachen überkam eine taiwanesische Forschergruppe blitzartig der Gedanke "Eisenmangelanämie" (iron-deficiency anemia INA), nachdem SSNHL bei der extrem seltenen Sichelzell-Anämie empirisch beobachtet worden war. Nach dem weltweit beliebten Motto wissenschaftlicher Studien LUZID: "Lass'' uns Zahlen irgendwie durchnudeln" wurden 4.004 Studienteilnehmer m i t Hörsturz mit einer 3-mal so großen Kontrollgruppe o h n e Hörsturz rein retrospektiv befragt ["participants with SSNHL (n?=?4004) were identified, and controls (n?=?12?012) were randomly selected."] Doch die Ergebnisse waren mehr als mager: Von insgesamt 16.016 Studienteilnehmern hatten nur 3,3% vorher die Diagnose Eisenmangelanämie gestellt bekommen. Der Unterschied zwischen den SSNHL-Patienten mit dieser Anämie von 4,3 Prozent zu der Kontrollgruppe mit 3,0% ist geradezu lachhaft gering ["Of the 16?016 sampled participants, 533 (3.3%) had previously been diagnosed with IDA, including 172 (4.3%) participants with SSNHL and 361 (3.0%) controls."] Denn mit 98,7 Prozent Vorhersage-Wahrscheinlichkeit bestanden k e i n e r l e i Unterschiede mit oder ohne Hörsturz.

Das einzige, was diese Bevölkerungs-basierte Studie hochsignifikant belegt, ist die Ergänzung von bisher insuffizienten Hörsturz-Hypothesen durch eine äußerst fragwürdige weitere Theorie. Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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