Japan zwei Jahre nach der Katastrophe

Sprechstunde nahe der Tsunami-Trümmer

Japan am 11. März 2011: Ein Mega-Erdbeben und ein Jahrhundert-Tsunami sorgen für Verwüstungen. Die Bewohner der Insel Izushima müssen evakuiert werden - und nur wenige kehren zurück. Ihre medizinische Versorgung gestaltet sich seitdem schwierig: Doch Dr. Mitsuru Saito und sein Team geben ihr Bestes.

Von Sonja Blaschke Veröffentlicht:
Der Hafen von Onagawa: Das Versorgungsteam hat Geräte, Arzneien und Patientenakten mit an Bord.

Der Hafen von Onagawa: Das Versorgungsteam hat Geräte, Arzneien und Patientenakten mit an Bord.

© Sonja Blaschke

ONAGAWA/IZUSHIMA. "Als ich damals als Braut auf die Insel kam, versprach er mir eine Brücke - und jetzt haben wir immer noch keine!" Die 71-jährige Machiko Abe grinst ihrem Mann Ken zwei Klappstühle weiter schelmisch zu.

Die Augen des 78-jährigen früheren Hochseefischers lachen mit, den Rest verbirgt eine weiße Maske, die er trägt, weil er sich erkältet hat - so gehört es zum guten Ton in Japan.

Über eine Brücke, die gerade 300 Meter messen müsste, könnten die Bewohner der Insel Izushima notfalls auch nachts und bei schlechtem Wetter zur nächsten Klinik in der Kleinstadt Onagawa mit dem Auto fahren. Es auf dem Wasserweg nicht rechtzeitig zu schaffen, ist ihre größte Sorge.

Schifffahrt zur Insel dauert 20 Minuten

Vor dem Megabeben und Jahrhundert-Tsunami am 11. März 2011 hatten die damals 450 Insulaner fünf Tage die Woche einen Arzt vor Ort.

Jetzt packen Dr. Mitsuru Saito und sein Team vom Krankenhaus Onagawa alle zwei Wochen Arzneien, Patientenakten, Spritzen, Blutdruck- und Sauerstoffmessgeräte ein und fahren mit dem Schiff 20 Minuten zur Insel.

Dort leben nach der Evakuierungsphase wieder 70 Menschen, die meisten Senioren. Dreimal täglich geht eine Fähre nach Onagawa; manche nehmen das eigene Boot - falls es der Tsunami nicht zerstört hat.

"Damals dachte ich, die Insel schwimmt gleich mit weg", sagt Abe über den Schicksalstag, an dem Izushima von 20 Meter hohen Wellen heimgesucht wurde. 25 Anwohner fanden darin den Tod.

Von den zwei Dörfchen auf dem 2,68 Quadratkilometer kleinen Eiland wurde eines fast komplett zerstört, im anderen stehen auf einer Anhöhe noch ein paar Häuser.

Die Überlebenden wurden dank eines Satellitentelefons bereits am nächsten Tag evakuiert und in Notunterkünfte gebracht. Später bekamen sie containerartige Übergangswohnungen auf der Hauptinsel Honshu, dem "Festland", zugelost.

Alte Fischer und ihre Frauen bleiben zurück

Die verbliebenen Einwohner Izushimas wohnen in Behelfsunterkünften.

Die verbliebenen Einwohner Izushimas wohnen in Behelfsunterkünften.

© Sonja Blaschke

Die Bevölkerung Izushimas ist geschrumpft - nicht erst seit dem Tsunami. "Junge Leute zieht es eher in Städte wie Sendai", sagt Saito.

Gab es vor einigen Jahrzehnten noch 300 Schüler, waren es 2011 nur mehr 20 bis 30 in Grund- und Mittelschule, schätzt Fischer Abe. Die Schulen wurden seither aufgelöst.

Wer bleibt, sind die alten Fischer und ihre Frauen, die nicht ohne das Meer und ihre Insel können. Nur dort finde ihr Herz Ruhe, nur dort wollten sie sterben, erzählen sie Saito.

Die Gegend ist berühmt für die Zucht von Austern, Seescheiden, Kammmuscheln und Königslachs. Die Arbeit ist hart, sie hält die alten Leute aber bis auf kleinere Leiden fit, seelisch wie körperlich.

"Die meisten richten ihren Blick nach vorne", sagt Saito. "Sie haben sich bewusst für ein Leben auf der Insel entschieden." Neben der Behelfssiedlung, wo die mobile Klinik Station macht, wird bereits die Erde für ein Neubaugebiet planiert.

Leintücher sorgen für Privatsphäre

Da die Patienten oft nur zur Kontrolle kommen, läuft die Behandlung wie am Schnürchen: Um 12.30 Uhr füllt sich der etwa 25 Quadratmeter kleine Raum schlagartig.

Er ist zugleich Empfang, Warte-, Vorbehandlungs- und Sprechzimmer sowie Kasse und Arzneiausgabe.

Bevor es zur Behandlung geht, checkt Ryuichi Endo, ob die Patienten einen offiziellen Opferausweis besitzen. Dann müssen sie die sonst anfallenden 30 Prozent Eigenbeteiligung der Arzt- und Arzneikosten nicht tragen.

Zu Beginn des Arztbesuchs messen die Krankenschwestern Yoko Mikuni und Hiroko Endo den Sauerstoffgehalt im Blut sowie den Blutdruck der Patienten.

Dann geht es weiter zur Untersuchung bei Saito hinter provisorisch aufgehängten weißen Leintüchern, die etwas Privatsphäre geben.

Was dahinter gesprochen wird, geht ohnehin bald im allgemeinen Geräuschpegel unter. Der Arztbesuch bietet einen guten Vorwand, die eigenen vier Wände zu verlassen und mit den Nachbarn ein paar Worte zu wechseln.

Das Behandlungszimmer wird wieder zum Versammlungszimmer

Unterdessen verwickeln die Krankenschwestern, Pfleger Yoshinori Morioka und Endo die Senioren in Gespräche. "Haben Sie gut geschlafen? Brauchen Sie noch Creme? Essen und trinken Sie genug?", fragen sie.

Denn im Winter, wenn es in den traditionellen Häusern sehr kalt ist, trinken viele Ältere zu wenig, um nicht auf die Toilette zu müssen, so Schwester Endo. Saito fragt die Patienten nach Veränderungen, hört Herz und Lunge ab und verschreibt ihnen Medikamente.

Auch Fischer Abe packt seine Medizin ein und hält ein Schwätzchen mit dem Team, das nach zwei Stunden im Handumdrehen das Behandlungs- in ein Versammlungszimmer zurückverwandelt.

Nach einer Kaffeepause fahren sie zum Hafen. Fischer Abe, dessen Haus unversehrt blieb, macht sich ebenfalls auf den Heimweg.

Den Traum von der vielleicht lebensrettenden Brücke haben er und die anderen Inselbewohner noch nicht aufgegeben.

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Kommentare
Margarita Moerth 11.03.201308:34 Uhr

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Ich schließe mich dem Standpunkt von Dr. Bayer vollinhaltlich an.
Ihr Artikel liest sich wie ein Schulaufsatz über einen Ausflug auf eine etwas zurückgebliebene Insel.
"Der Fischer ... hält ein Schwätzchen" und der Arzt und sein Team fährt "nach einer Kaffeepause ... zum Hafen".
Fukushima, ein kleines Missgeschick?

Dr. Karlheinz Bayer 11.03.201307:46 Uhr

was für ein Bericht ?!

Verehrte Frau Blaschke,

natürlich hat man erwarten dürfen, daß am 11. März ein Bericht über Fukushima kommt - auch in der Ärztezeitung.
Dieser Bericht hat die Erwartungen übertroffen.
In gleich doppelter Hinsicht.

Einerseits schwingt ein wenig Nostalgie mit, beinahe wie im Film vom Dritten Mann, Wien nach dem zweiten Weltkrieg, Hilflosigkeit und Neuanfang. Bei den Bildern von den Dresdner Trümmerfrauen.

In anderer Hinsicht haben die Amerikaner in Japan denselben Krieg ja durch zwei Atomangriffe beendet. Naheliegend wären Bilder aus dem Japan von 1945 gewesen, Bilder, die bis zum Jahr 2013 ihre Schrecken nicht verloren haben, weil die Atomkraft doch etwas anderes ist, nachhaltiger unbd giftiger als Bomben oder Erdbeben.

Daß die Bevölkerung Izushimas den Tsunami garnicht gebraucht hätte, weil die Bevlkerung vorher schon geschrumpft war - Swas soll diese Bemerkung?

Hab ich Sie verkehrt verstanden?
War das nicht ein durch und durch normaler Bericht über einen normalen medizinischen Einsatz? Dann fehlt der Hinweis auf das Ausblenden und den Wahnsinn angesichts der mindestens 4. atomaren Katastrophe seit Bestehen der Kernreaktoren!

Ich will keine ewige Propaganda gegen den Atomstrom. Man braucht keineswegs sofort die Kleenex-Rolle, wenn jemand Fukushima sagt.

Aber ich brauche auch keine Geschichten über eine nur auf den ersten Blick ganz normalen medizinischen Arbeit in einem grotesk abnormalen Umfeld.
"Wir werden Euch NICHT helfen können!"
hat die IPPNW bei ihrer Gründung gewarnt. Auch aus Ihrem Bericht wird deutlich, da? die IPPNW recht behalten hat.

"Haben Sie gut geschlafen? Brauchen Sie noch Creme? Essen und trinken Sie genug?", okay? Nein, selbst für Verhältnisse in einem deutschen Kreiskrankenhaus wären diese Fragen inkompetent und unprofessionell.
Angst vor der Zukunft?
Vor dem Krebs?
Trauer um die Angehörigen und Nachbarn - oder daß im fernen Deutschland ganz zaghaft wieder die Diskussion losgeht, ob die Energiewende nicht am Ende ein Fehler gewesen sein könnte ...?

Fukishima wird den Rest meines Lebens ein Engramm bleiben, der Name einer Stadt, bei der sofort Bilder aufgehen. Das ist ein Name wie Nagasaki oder Hiroshima, wie Bhopal und Seveso, beinahe wie Ausschwitz.
Ich möchte an einem solchen Tag nie wieder lesen, daß "hinter provisorisch aufgehängten weißen Leintüchern" das eigentliche Drama "im allgemeinen Geräuschpegel untergeht ..."

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal

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