BDI-Chef Wesiack im Interview

"Das Honorar-Ergebnis ist eine große Enttäuschung"

In Sachen Honorar blickt Internisten-Präsident Wesiack wenig optimistisch in die Zukunft. Den jüngsten Abschluss bezeichnet er im Interview als große Enttäuschung. Auch bei der GOÄ sieht er schwarz - und übt deutliche Kritik an der BÄK.

Wolfgang van den BerghVon Wolfgang van den Bergh Veröffentlicht:
BDI-Chef Dr. Wolfgang Wesiack: 32 Prozent Inflationsausgleich bei der GOÄ sind unrealistisch.

BDI-Chef Dr. Wolfgang Wesiack: 32 Prozent Inflationsausgleich bei der GOÄ sind unrealistisch.

© Reiner Zensen / imago

Ärzte Zeitung: 800 Millionen Euro mehr Honorar liegt deutlich unter der Forderung, mit der die KBV in die Honorarverhandlungen 2015 gegangen sind. Fünf Milliarden Euro wäre ein kräftiger Schluck aus der Pulle gewesen. Warum sind die Forderungen der Ärzte berechtigt?

Dr. Wolfgang Wesiack: Zunächst einmal ist das Ergebnis eine große Enttäuschung. Mit der Honorarforderung in Höhe von fünf Milliarden Euro wurde eine Erwartungshaltung geweckt, die mit so einem Abschluss auf Unverständnis stößt. Wenn man dann noch sieht, wie harmonisch und schnell die Verhandlungen abgefrühstückt worden sind, dann macht mich das betroffen.

Noch nicht einmal der Einstieg in eine Lockerung der Budgets ist gelungen. Die Verbände müssen den Druck auf die Kassen erhöhen. Nach wie vor werden viele erbrachten Leistungen durch die Budgetierung von den Kassen nicht vergütet. Die Kosten einer Arztpraxis steigen stetig, die Überschüsse aus der GKV aber sinken.

Erforderliche neue Investitionen sind immer weniger möglich. Die Steigerung der Gesamtvergütung hat sich in den vergangenen Jahren an allem, nur nicht an den Kosten und dem tatsächlichen Leistungsbedarf orientiert. Es besteht Nachholbedarf.

Die Kassen halten dagegen und rechnen Ihnen vor, dass es insbesondere bei Internisten Wirtschaftlichkeitsreserven gibt. Über alle Arztgruppen hinweg sehen sie ein Einsparpotenzial von gut zwei Milliarden Euro. Wie bewerten Sie deren Analyse?

Dr. Wolfgang Wesiack

Aktuelle Position: seit 2004 Präsident des Berufsverbandes Deutscher Internisten (BDI)

Werdegang/Ausbildung: Studium in München und Hamburg, 1973 Staatsexamen, 1981 Facharzt für Innere Medizin, 1983 Niederlassung in Hamburg

Karriere: 1995/96 Vorsitzender der KV Hamburg; seit 1994 Mitglied der Delegiertenversammlung der Ärztekammer Hamburg

Wesiack: Solche Aussagen sind bei der uneinheitlichen Struktur der Internisten statistisch nicht zulässig. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Dies wird offensichtlich an den unterschiedlichen Materialkosten, die von 7000 Euro bis zu 63.000 Euro schwanken. Es handelt sich hier um eine typische Auftragsarbeit, die auch das Prognos-Institut in einem schlechten Licht erscheinen lässt.

Bleiben wir beim Honorar und sprechen über die GOÄ. Auch hier gibt es die Forderung nach einem Inflationsausgleich in Höhe von knapp 32 Prozent und einer regelhaften Anhebung des Punktwertes. Wie realistisch ist es, solche Forderungen durchzusetzen?

Wesiack: Die Forderung ist berechtigt, deren Durchsetzung aber unrealistisch. Das Versäumnis vergangener Jahre, die GOÄ weiter zu entwickeln, fällt jetzt der Bundesärztekammer auf die Füße.

Wie steht es generell um die Großbaustelle GOÄ? Nach unserer Wahrnehmung ist der große Durchbruch nicht in Sicht, oder?

Wesiack: Aus Sicht des BDI hat mit der Hereinnahme der PKV in die Verhandlungen ein entscheidender Paradigmenwandel stattgefunden. Auf der Großbaustelle GOÄ sind noch wichtige Fragen nicht gelöst, zum Beispiel die Auswirkungen einer neuen GOÄ auf die stationäre Versorgung.

Nutzt die BÄK aus BDI-Sicht den Verhandlungs- und Vertrauensspielraum, den ihr der Deutsche Ärztetag gegeben hat?

Wesiack: Das können wir nicht beurteilen, weil wir bei den Verhandlungen nicht dabei waren und von den Verhandlungsführern Stillschweigen vereinbart ist. Dennoch hoffe ich darauf, dass wir über den aktuellen Stand mehr erfahren. Dabei setze ich auch auf Informationen aus erster Hand beim Internistentag am 11. September in Berlin.

Im Zusammenhang mit der Honorardiskussion kam das Thema Wartezeiten auch wieder aufs Tapet. Herr Gröhe hat hier Entgegenkommen signalisiert - Jens Spahn hat dagegen schärfere Töne angeschlagen. Wie positioniert sich der BDI?

Wesiack: Die Budgetierung ist die alleinige Ursache für Wartezeiten. Mehr Patienten zu behandeln ohne entsprechende Honorierung - so einen Widersinn gibt es nur in der GKV. Will man das Übel an der Wurzel packen, muss man die Budgetierung beseitigen.

Die Termingarantie soll ins nächste Versorgungsgesetz geschrieben werden, ebenso wie die Förderung der hausärztlichen Versorgung. Es gibt Stimmen, die behaupten, eine finanzielle Förderung bringe nichts. Wie könnten flankierende Maßnahmen aussehen?

Wesiack: Eine finanzielle Förderung alleine bringt wirklich wenig. Die neue Arztgeneration möchte eine neue Work-Life-Balance und mehr Möglichkeiten, angestellt zu arbeiten. Hier ist ein ganzes Bündel struktureller Maßnahmen erforderlich. Wo Schulen geschlossen werden, können auch keine Arztpraxen entstehen.

Stichwort Nachwuchs, Thema Weiterbildung. Es sieht nicht danach aus, dass sich die Bund-Länder-Gruppe auf eine große Klinikreform einigen wird. Wie groß ist die Gefahr, dass das zu Lasten des medizinischen Nachwuchses in den Kliniken geht?

Wesiack: Die Weiterbildung ist ein komplexes Thema, bei dem es nicht nur um eine Vermehrung von Arztstellen geht. Es geht um Weiterbildungs-Inhalte und deren Vermittlung.

Heißt das für die Zukunft, dass sich niedergelassene Kollegen künftig verstärkt selbst um den Nachwuchs kümmern müssen?

Wesiack: Der niedergelassene Arzt ist mit dem Thema überfordert, sowohl inhaltlich als auch finanziell. Ein Kodex stellt keine Finanzmittel zur Verfügung. Unbestreitbar wird zukünftig aber Weiterbildung verstärkt im ambulanten Bereich stattfinden müssen. Über das Wie brauchen wir einen gesamtinnerärztlichen Konsens.

Muss es neben einem hausärztlichen künftig auch ein fachärztliches Förderprogramm geben?

Wesiack: Ja, denn der Arztmangel hat inzwischen viele Facharztgruppen erreicht.

... finanziert durch wen?

Wesiack: Bisher war die Weiterbildung ein Abfallprodukt ärztlicher Tätigkeit. Sie hat keine Kosten verursacht. Der BDI sieht die ärztliche Weiterbildung aber als eine wichtige öffentliche Aufgabe an, die auch so zu finanzieren ist.

Jetzt abonnieren
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler 30.08.201421:53 Uhr

Danke für die prompte Stellungnahme, ...

Herr Kollege Dr. Helmut Müller. Trotz eigener Erkenntnisse, habe ich dazugelernt, dass zur mb-Mitgliedschaft eine gehörige Portion unkritischer und unreflektierter Sozialdarwinismus gehört. Sie belegen mit Ihrer Äußerung zweifelsfrei, dass Ihnen alle niedergelassenen Vertragsärzte mit ihren spezifischen Problemen, Konflikten und auch Lebensfreude ein immerwährendes Rätsel bleiben werden. Nur zur Erinnerung, wir haben in der sonstigen politischen Landschaft aus gutem Grund ein Verhältniswahlrecht.
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Dr. Helmut Müller 30.08.201416:54 Uhr

Ach, ich steh`eigentlich ganz fest auf der Erde, Herr Kollege Schätzler

Die Besetzung "entscheidender Schaltstellen" in verschiedenen Gremien ist letztlich Ergebnis demokratischer Wahlen, bei denen man die erforderlichen Mehrheiten hinter sich bringen muss, z.B.auch indem man Koalitionen eingeht. Diese Möglichkeiten stehen allen ärztlichen Gruppierungen - auch den von Ihnen genannten "bedeutenden Minderheiten" zur Verfügung.Fressen oder gefressen werden, ein uraltes Naturgesetz, wurde schon seit Jahrzehnten auch in der großen Politik praktiziert und hat nun seit vielen Jahren eben auch in der ärztlichen Berufspolitik Eingang gefunden. Es mag beklagenswert sein, aber nur mit Klagen kommt man halt nicht weiter. Und damit schließt sich der Kreis zum Ergebnis der KBV-Honorarverhandlungen.

Dr. Thomas Georg Schätzler 30.08.201412:53 Uhr

Auf welchem Planeten leben Sie denn?

Muss ich Sie zu meinem Bedauern ernsthaft fragen, Herr Kollege Dr. Helmut Müller. Denn zufälligerweise weiß ich ziemlich "persistierend" aus eigener Anschauung und Erfahrung, wie Funktionsträger des Marburger Bund (mb) im Mikro- und Makrokosmos der Ärzte-, Gesundheits- und Krankheits-Politik ticken.

mb-Funktionäre/-innen besetzten die entscheidenden Schaltstellen in den Landesärztekammern und der BÄK. Funktionsträger sind in den KVen und der KBV vertreten. Der mb ist keine reine Gewerkschaft, weil er auch beamtete Ärzte o h n e Streikrecht vertritt.

Wenn ich die keineswegs rhetorisch gemeinte Frage stelle: "Aber hat sich der mb jemals auch für die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen eingesetzt?" heißt das zumindest, dass der mb unsere und meine Berufsgruppe nicht mal gedanklich in seine gesundheitspolitischen Überlegungen mit einbezieht bzw. die von Ihnen beschriebene Aufspaltung der Vertragsärzte für seine Zwecke nutzen kann.

Und wenn es vor Ort darum geht, missliebige Kandidaten aus dem Weg zu räumen, machtpolitische Ziele mit dem Mehrheitswahlrecht o h n e Rücksicht auf zahlenmäßig durchaus bedeutende Minderheiten zu erreichen oder mit absurden Koalitionen taktisch durchaus nachvollziehbare Ziele zu erreichen, ist der mb in der Vergangenheit leider schon allzu oft dabei gewesen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Dr. Helmut Müller 29.08.201415:56 Uhr

Persistierender Irrtum

Wieder mal den Marburger Bund in der Diskussion um Honorare für niedergelassene Ärzte zu bemühen, hat ja schon einen ellenlangen Bart. Es ist nicht Aufgabe des MB, sich für niedergelassene Ärzte "einzusetzen". Der MB ist gemäß seiner Satzung eine Gewerkschaft der angestellten Ärzte, er würde diesen Status riskieren, übernähme er andere Aufgaben. Aber der Marburger Bund hat natürlich einen deutlichen Vorteil: Er vertritt eine weitgehend homogene und unzerstrittene Klientel. Solange unverändert niedergelassene Hausärzte gegen niedergelassene Fachärzte kämpfen, die verschiedenen Facharztverbände gegeneinander taktieren, werden Kassen und Politik weiterhin ein leichtes Spiel haben, besonders eben auch bei Honorarverhandlungen!

Dr. Thomas Georg Schätzler 29.08.201414:32 Uhr

Selber schuld ist, ...

wer immer nur Däumchen dreht, BÄK und KBV ganz alleine machen lässt und dann den Daumen senkt. Denn schlussendlich bekommt jede/r die GKV/PKV-Honorarabrechnung, die er/sie verdient.

Eine alljährliche Honorarrunde muss man taktisch vorbereiten, den Vertragspartner beobachten, reagieren, aber auch vorausschauend agieren, eigene Ideen und Konzepte entwickeln bzw. sich mit Gleichgesinnten, von ähnlichen Interessen geleiteten, zusammenschließen.

Genau dies gelingt dem Präsidenten des Berufsverbandes Deutscher Internisten (BDI) n i c h t. Er kann nicht mal die widerstreitenden Interessenlagen von haus- und fachärztlichen Internisten ausgleichen.

Da hilft auch nach 10 Jahren Amtszeit des Kollegen Dr. Wolfgang Wesiack dieser Rundumschlag gegen KBV und BÄK nichts. Die GOÄ ist seit 1978 gültig; 14 Prozent Honorarsteigerung in 36 Jahren sagt eigentlich schon alles. Die jüngste GKV-Verhandlungsrunde wurde überhaupt nicht kritisch-konstruktiv begleitet, die konträren GKV-Kassen-Positionen nicht mal ansatzweise analysiert.

Der Marburger Bund (mb) ist in diesem ganzen Scherbenhaufen lachender "Dritte". Seine Tarifabschlüsse können sich sehen lassen, die Mitglieder sind befriedet. Aber hat sich der mb jemals auch für die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen eingesetzt?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

<< < 1 2 > >> 
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Zwischenfälle in der Chirurgie

Gossypibom: Vergessene Operationsunterlage postoperativ entdeckt

Lesetipps
Schutzmaßnahmen müssten immer wieder überprüft und angepasst werden, um unbefugte Zugriffe auf die Praxis-IT und damit auf die besonders sensiblen Patienten- und Abrechnungsdaten zu verhindern, so KBV-Vorstandsmitglied Dr. Sibylle Steiner.

© BRN-Pixel - stock.adobe.com

Cybersicherheit

IT-Sicherheitsrichtlinie gibt Arztpraxen ab Oktober neue Aufgaben

Bei der interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie arbeiten Ärzte, Psychologen und Physio- und Ergotherapeuten zusammen nach einem gemeinsamen Konzept.

© Getty Images / iStockphoto

Ambulante Angebote fehlen

Konservativ-multimodale Schmerztherapie – wo stehen wir?

Die Ärzte Zeitung hat jetzt auch einen WhatsApp-Kanal.

© prima91 / stock.adobe.com

News per Messenger

Neu: WhatsApp-Kanal der Ärzte Zeitung