Viele Senioren suizidgefährdet

So erkennen Hausärzte lebensmüde Patienten

Fast alle zwei Stunden nimmt sich ein Mensch über 60 in Deutschland das Leben. Hausärzte könnten gegensteuern, wenn sie die Suizidgefahr rechtzeitig entdecken würden. Wir verraten Ihnen, woran man ältere, lebensmüde Patienten erkennt.

Von Ursula Armstrong Veröffentlicht:
Unterwegs gen Himmel? Wer genau hinhört, kann als Hausarzt suizidale Gedanken erkennen.

Unterwegs gen Himmel? Wer genau hinhört, kann als Hausarzt suizidale Gedanken erkennen.

© Jean Kobben/fotolia.com

Alt zu werden kann hart sein. Physische und psychische Krankheiten beeinträchtigen zunehmend die Lebensqualität, Partner und Freunde sterben, die Selbstständigkeit geht verloren, doch Hoffnung auf Besserung gibt es nicht.

Viele alte Menschen geben auf und denken mehr und mehr daran, "Schluss zu machen". Das Suizidrisiko ist im Alter denn auch deutlich verstärkt.

In der Broschüre "Wenn das Altwerden zur Last wird", die die "Arbeitsgruppe Alte Menschen" im Nationalen Suizidpräventionsprogramm für Deutschland herausgegeben hat, werden Zahlen genannt, die erschrecken.

Von den mehr als 9000 Menschen jährlich, die sich in Deutschland das Leben nehmen, sind über 40 Prozent 60 Jahre oder älter.

Der Anteil der über 60-Jährigen an der Gesamtbevölkerung beträgt dagegen nur 25 Prozent. Fast alle zwei Stunden stirbt in Deutschland ein Mensch über 60 durch eigene Hand.

Arztbesuch vor Suizidversuch

Untersuchungen hätten ergeben, dass ein hoher Prozentsatz dieser Menschen in der Woche vor dem Suizid den Hausarzt aufgesucht haben, sagt Professor Martin Teising, Präsident der International Psychoanalytic University in Berlin und Mitglied der "Arbeitsgruppe Alte Menschen", im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Dabei sprechen die lebensmüden alten Menschen häufig ihre Suizidgedanken nicht direkt an. Hausärzte müssen also wissen, worauf sie achten sollten und wie sie Suizidalität bei alten Menschen erkennen, um Hilfe leisten zu können.

Deutliche Hinweise sind laut Teising, wenn alte Patienten nicht mehr an dem interessiert sind, was vorher für sie wichtig war, wenn sie gefühlsmäßig eingeengt sind und sich nicht mehr freuen oder ärgern können.

Auch wenn alte Menschen plötzlich damit beginnen, ihre Dinge und Papiere in Ordnung zu bringen, kann das auf Suizidgedanken hinweisen.

Hausärzte sollten auf Verzweiflungsgefühle achten, Verlustgefühle, etwa nach dem Tod des Partners, ständiges Grübeln und vor allem auf schwere seelische Verletzungen und Kränkungen.

Das aber, so Teising, sei individuell sehr unterschiedlich. "Für die einen können das körperliche Behinderungen sein, zum Beispiel wenn sie nicht mehr lesen können, weil die Augen schlechter werden, für andere können die Kinder die Kränkungen auslösen, weil sie sich nicht so verhalten, wie die alten Menschen sich das vorstellen. Es geht immer um das, was besonders wichtig für das Selbstwertgefühl des jeweiligen alten Menschen ist."

Trügerische Ruhe vor dem Sturm

Auch die "Ruhe vor dem Sturm" kann ein Warnsignal sein. Denn wenn ein Mensch, der vorher Suizidgedanken oder -absichten geäußert hat, plötzlich entspannt wirkt und nicht mehr vom Suizid spricht, kann das bedeuten, dass er sich bereits dazu entschlossen hat.

Gibt es Anlass zu der Vermutung, dass ein alter Mensch lebensmüde und verzweifelt ist, sich hilflos und subjektiv einsam fühlt, dann ist der nächste wichtige Schritt, das auch anzusprechen.

"Es gibt die weitverbreitete Furcht, dass man Menschen erst recht in den Selbstmord treibt und sie ,auf dumme Gedanken‘ bringt, wenn man sie darauf anspricht. Doch das ist absolut falsch", betont der Psychiater und Psychoanalytiker. "Es hat sich noch nie jemand das Leben genommen, weil jemand gefragt hat, ob er etwa daran denke."

Im Gegenteil: Wenn man dem subjektiv einsamen alten Menschen begegnet, ihm die Möglichkeit gibt, seine Verzweiflung mitzuteilen, dann fühle er sich nicht mehr so einsam.

Lebenserhaltende Beziehung

"Es ist zentral, dass der Hausarzt eine Beziehung aufbaut, in der über die seelische Not gesprochen werden kann." Der nächste entscheidende Schritt ist, einen weiteren Termin zu vereinbaren, und wenn das nur per Telefon ist. Denn, so Teising: "Es ist wichtig, die Beziehung aufrechtzuerhalten. Beziehung hält am Leben!"

Es gilt, dem Patienten dabei zu helfen, dem Leben wieder einen Sinn zu geben. Lebenssinn ergibt sich in jeder Phase des Lebens, auch im Alter. Wichtig ist vor allem die Erhaltung von Kommunikation und sozialer Teilnahme.

Dazu gibt es viele regionale Angebote speziell für alte Menschen, die sich einsam fühlen. Hausärzte sollten deshalb diese Angebote kennen und ihre alten Patienten darüber informieren. Außerdem sollten Infoblätter von Städten und Gemeinden in den Wartezimmern liegen.

Handelt es sich bei der Suizidalität um eine akute Krise, kann es sinnvoll sein, einen Psychotherapeuten oder Psychiater hinzuziehen. Oft reicht aber, wenn der Hausarzt eine medikamentöse Behandlung gegen die Depression einleitet.

Suizidale alte Menschen zu begleiten sei eine sehr schwierige Aufgabe, betont Teising. Natürlich könne man auch als Arzt die suizidalen Gedanken der alten Patienten oft verstehen. "Die große Frage an den Arzt ist: Kann er diese Hilflosigkeit, diese Verzweiflung selbst ertragen?"

Sich mit der eigenen Hilfslosigkeit auseinanderzusetzen gehöre zu den Aufgaben des Arztes. Denn mitzufühlen und mitzutragen sei sehr schwer und eine große Herausforderung.

Leitfaden zum Präventionsgespräch

Der Suizidvorbeugung im Gespräch mit Senioren dienen Hausärzten einige Basisregeln für die Arzt-Patientenbeziehung:

› Nicht wertendes Gesprächsverhalten, bei dem Offenheit und Vertrauen vorherrschen und sich der suizidale alte Mensch in einer seelischen Not angenommen fühlt.

› Todeswünsche, suizidale Gedanken und Absichten offen ansprechen

› Suizidalität ernst nehmen, nicht verharmlosen, aber auch nicht dramatisieren

› Gründe, Begleitumstände und akute Auslöser besprechen

› Lebensgeschichtliche Zusammenhänge verstehen und einbeziehen

› Möglichkeiten der Unterstützung im sozialen Umfeld erkunden (z. B. Bezugspersonen, soziale Dienste)

› Anbieten, den Gesprächskontakt fortzusetzen (Ängste ansprechen, weitere Beratungs- und Hilfsmöglichkeiten aufzeigen). (ug)

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Kommentare
Rudolf Hege 11.06.201313:43 Uhr

Quantität ist eben nicht alles

Bei aller "Freude" über die zunehmende Lebenserwartung wird gerne vergessen, dass Leben ohne Perspektive ("Sinn") eben sinnlos werden kann. Solange Lebensqualität noch vorhanden ist - was jeder Einzelne für sich entscheidet - ist meist auch Lebensmotivation vorhanden. Was aber, wenn es keinen Grund mehr für das Leben gibt, dafür aber eine Menge von Leidensfaktoren? Dann muss eine bewusste Entscheidung für eine Beendigung des Lebens als Teil eines selbstbestimmten Lebens akzeptiert werden. Auch das ist Freiheit.

Ich prophezeie mal, dass die Frage in einer älter werdenden Gesellschaft mit gleichzeitigem Zerfall von verpflichtenden(!) sozialen Bindungen (Familie) zugunsten unverbindlicher (Freundes- und Bekanntenkreis) immer öfter gestellt werden wird.

Dr. Birgit Bauer 11.06.201312:50 Uhr

Vielleicht nur selbstbestimmtes Leben bis zum Schluß?

Ich denke nicht , dass in einer immer mehr aufs Geld und gegenseitige Vorteilnahme ausgerichtete , mit für unsere Bürger undurchsichtigen Verwaltungswegen und verklausulierten Rechtsprechungen, die vielfach dem Rechtsempfinden in keiner Weise mehr entsprechen (hier besonders Betreuungs- und Erbrechtrecht) strukturierte Gesellschaft, die frühkindlichen Bindungen zur Mutter alles richten können sollen.
Ich denke eher, dass viele Ältere der zunehmenden Entmündigung entgehen wollen und so sich ihr Selbstbestimmungsrecht bis zum Ende bewahren und nicht zum Schluß als leidiger Kostenfaktor für die "Leistungserbringer" dienen wollen.
M.f.G. B.Bauer

Wolfgang Ebinger 11.06.201308:52 Uhr

"Beziehung hält am Leben" - eine vergessene Wahrheit?

Durch die Sozialwissenschaft wissen wir, dass "lebenserhaltende" Beziehungen nicht spontan entstehen, sie wachsen über lange Zeiträume. Sie bestehen aus vielerlei gemeinsamen schönen Lebenssituationen und durchgestandenen Schwierigkeiten. Sie sind meistens getragen von einem frühkindlichen Urvertrauen, dass seinen Beginn "an der Mutterbrust" genommen hat. Im Alter invertiert sich natürlicherweise die frühkindlich geschenkte Fürsorge in eine erhaltende Fürsorge, die die Kinder ihren Eltern angedeihen lassen (sollten). Alles wird getragen von gegenseitigem Respekt und würdevoller Annahme im Bewusstsein der eigenen sowohl frühkindlichen als auch spätalterlichen Hilflosigkeit. Das hat jahrhundertelang das klassische Familienmodell ausgemacht. Es funktionierte, mit einigen Ausnahmen, bisher zuverlässig.

Und nun kommt der Wandel: Kleinstkinder werden (politisch gewollt und massiv finanziell gefördert) widernatürlich in sog. Kinderkrippen verfrachtet und die für das eigene Älterwerden dringend notwendige frühkindliche Beziehungsbildung mit dem eigenen Kind wird gewaltsam unterbunden.

Weshalb wundert es uns, dass es eine zunehmende Suizidneigung älterer Menschen gibt? Wo sind die "Beziehungen, die am Leben erhalten"? Diese naturgemäß der klassischen Familie aufgetragene Verantwortung der Hausärzteschaft aufzuladen ist eine krankhafte Entwicklung unserer nimmersatten Wohlstandsgesellschaft. Psychische Leiden hat es zu allen Zeiten gegeben und wir können froh sein über jeden Therapeuten, der hier Hilfe leisten kann. Aber eine gesamtgesellschaftliche familiäre Fehlentwicklung auf den Karren der Hausärzte zu laden, ist unzulässig.

Meine Befürchtung: wenn nicht ein gesellschaftliches Umdenken - was nicht zu erwarten ist - zurück zum klassischen Familienleben stattfinden wird, wird sich dieser suizidale Trend älterer Menschen weiter verstärken. Die Politik ist gefordert, familiäre "lebenserhaltende" Beziehungen zu stärken. Art. 6 Abs. 2 GG scheint völlig aus dem Blickfeld verschwunden zu sein.

Nunja, die Rentenkasse wird diese Fehlentwicklung möglicherweise sogar wohlwollend zur Kenntnis nehmen.

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