Abseits vom Ökostrom

Gutachten: Arztpraxen und Kliniken sind nicht nachhaltig genug

Wie nachhaltig ist es um Kliniken, Arztpraxen und Pflegeheime bestellt? Dies hat die Stiftung viamedica für das Bundesgesundheitsministerium untersucht. Das Fazit: Nur wenige Einrichtungen setzen umfassende Maßnahmen um.

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Zwar ist Ökostrom für viele Gesundheitseinrichtungen inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Trotzdem ist das Gesundheitswesen insgesamt noch wenig klimafreundlich aufgestellt.

Zwar ist Ökostrom für viele Gesundheitseinrichtungen inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Trotzdem ist das Gesundheitswesen insgesamt noch wenig klimafreundlich aufgestellt.

© Michel Angelo / Fotolia

Freiburg. Im Bereich der Nachhaltigkeit tut sich im deutschen Gesundheitswesen zu wenig. Das ist das Ergebnis des „ReKlimaMed“-Gutachtens, das die Stiftung viamedica für das Bundesgesundheitsministerium erarbeitet hat. Hinter viamedica steht Professor Franz Daschner, der im Jahr 2000 als erster Mediziner mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet wurde.

Die Bestandsaufnahme zu den Themen „Ressourceneffizienz, Klimaschutz und ökologische Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen“ zeigt auf, welche Nachhaltigkeitsmaßnahmen im Gesundheitswesen bereits umgesetzt wurden, welche Vorteile und Hemmnisse bestehen und welche herausragenden Leuchttürme es beim Thema Kilmaschutz in der Branche gibt. Darüber hinaus werden Handlungsempfehlungen gegeben, wie das Thema weiter vorangebracht werden kann.

Nachhaltige Maßnahmen kaum umgesetzt

Es gebe nur wenige Unternehmen und Einrichtungen, die Maßnahmen zur ökologischen Nachhaltigkeit umsetzten und damit zeigten, was möglich sei, heißt es in einer aktuellen Mitteilung zum Gutachten. In allen Bereichen wurde bislang LED-Beleuchtung eingeführt sowie auf Ökostrom und E-Mobilität umgestellt.

Die Umsetzung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen hat laut Gutachten viele Vorteile. So könnten Energie, Ressourcen und damit auch Kosten eingespart werden. Zudem wirkten sich entsprechende Aktivitäten positiv auf die Öffentlichkeitsarbeit aus, vor allem auch bei der Anwerbung von neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

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Klimaschutz nicht in den Leitungsebenen verankert

Hemmschuh ist aus Sicht der Studienautoren die fehlende Verankerung des Themas in den Management- und Leitungsebenen. „Ohne diese Struktur und ohne konkrete Unternehmensziele zu ökologischer Nachhaltigkeit wird weiterhin wenig Interesse an dem Thema bestehen und für Nachhaltigkeitsmaßnahmen keine Zeit, kein Geld und kein Personal vorhanden sein.“ Erschwert wird die Umsetzung von Maßnahmen auch durch die zum Teil fehlende Finanzierung und komplizierte bürokratische und regulatorische Hürden.Die Studienautoren stellen fest, dass im Gesundheitswesen monetäre und regulatorische Anreize fehlten, auf nachhaltiges Wirtschaften umzustellen.

Trotzdem finden sich herausragende Beispiele für ein Umdenken. So ist der Neubau des Klinikums Frankfurt-Höchst als erstes Krankenhaus weltweit im Passivhaus-Standard errichtet worden. 90 Prozent der sonst veranschlagten Heizenergie ließen sich so einsparen.

Bei den niedergelassenen Ärzten hingegen vergab viamedica den Leuchtturm-Status lediglich an zwei Zahnarztpraxen. Offenbar ist das Thema Nachhaltigkeit in der ambulanten Gesundheitsversorgung bislang unterbelichtet. Die Studienautoren schlagen sogar vor, Gesundheitsminister Lauterbach möge sich mit einem Aufruf direkt an die niedergelassenen Ärzte richten, sie mögen doch bitte aktiv werden.

Klimapakt Gesundheit

Tatsächlich ist der Minister bereits aktiv. Ende vergangenen Jahres hat er einen gemeinsamen Strategieprozess des Gesundheitswesens gegen die negativen Auswirkungen des Klimawandels aufs Gleis gesetzt. Diese als „Klimapakt Gesundheit“ verkaufte Aktion, soll zum Beispiel die Bedeutung von Maßnahmen gegen die Erderwärmung schon in der Ärzteausbildung verankern. Das Projekt hat einen Haken: Die Bundesärztekammer, die Deutsche Krankenhausgesellschaft, Verbände der Apotheker, der Pflege und der Kostenträger sind im „Pakt“ vertreten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung jedoch war nach eigenen Aussagen nicht eingeladen.

Das bedeutet nicht, dass sich nicht auch niedergelassene Ärzte im Klimaschutz engagieren. So sind unter anderen die DEGAM und der Hartmannbund in der Allianz für Klimawandel und Gesundheit (KLUG) vertreten.

Schwerpunkt beim Ärztetag 2021

Das Thema Klimaschutz ist zudem längst in der verfassten Ärzteschaft angekommen. Der 125. Ärztetag 2021 in Berlin erhob es zum Schwerpunkt der Veranstaltung. Der Klimawandel sei ein „immenses Problem der Gegenwart“ stellten die Delegierten fest. Kernbotschaft war, dass der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen zum ärztlichen Ethos gehöre.

Es sei ärztliche Pflicht, die Auswirkungen des Klimawandels klar zu benennen, die gesundheitliche Bedrohung aufzuzeigen, Gegenmaßnahmen einzufordern und mit dazu beizutragen, dass sich das Gesundheitssystem auf die Bewältigung der Folgen vorbereite. (kaha/af)

„ReKlimaMed“-Gutachten

Für das Gutachten hat die Stiftung 69 Krankenhäuser, 21 Rehaeinrichtungen, rund 70 stationäre und ambulante Pflegereinrichtungen sowie 75 Arztpraxen unter die Lupe genommen und best-Practice-Beispiele gesammelt. Das Projekt wurde vom BMG mit 80.010,00 Euro gefördert. Die herausragenden Akteure und Einrichtungen sollen beim Hauptstadtkongress in Berlin im Juni vorgestellt werden.

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