Halbjahresbilanz des VCI

Chemie in anhaltend schwierigem Fahrwasser

Die deutschen Chemie- und Pharmafirmen verspüren erste Anzeichen einer Konjunkturerholung. Unterdessen beklagt die Branche gravierende Standortnachteile – und eine untätige Politik.

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Frankfurt am Main. Licht am Ende des Tunnels – aber auch noch viel Luft nach oben: Das 1. Halbjahr 2024 lief für die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland „besser als erwartet“. Doch „von einem „stabilen Aufwärtstrend kann keine Rede sein“, hieß es bei der Halbjahreskonferenz des Branchenverbandes VCI am Montag in Frankfurt.

Danach verzeichneten die Unternehmen von Januar bis Ende Juni zwar ein Produktionsplus von 3,0 Prozent. Der Produktionsindex liegt damit den Angaben zufolge aber immer noch 11,0 Prozent unter dem Wert des 2. Halbjahres 2021, den der Verband als „Vorkrisenniveau“ bezeichnet. Seit Beginn des Ukrainekrieges hat die Branche mit Preissteigerungen bei Energierohstoffen, Vorprodukten und Energie zu kämpfen sowie Kaufzurückhaltung der Industriekunden.

Der Branchenumsatz ging im 1. Halbjahr 2024 um 1,0 Prozent auf 112 Milliarden Euro zurück. Wofür ursächlich die Entwicklung der Erzeugerpreise genannt wird, die sich in der Berichtsperiode im Schnitt um 4,0 Prozent verbilligten. Im Inland lagen die Verkaufe mit rund 40 Milliarden Euro 5,0 Prozent unter Vorjahr. Während im Ausland noch ein Plus von 1,5 Prozent (auf 72 Milliarden Euro) verbucht werden konnte. Die Kapazitätsauslastung der Produktionsanlagen sei mit aktuell 79 Prozent nunmehr seit zweieinhalb Jahren am Stück unrentabel.

Auftragslage könnte weiter anziehen

Trotz der weiterhin „schwierigen Lage“ hält der VCI aber an seiner Prognose für das Gesamtjahr fest. „Die Auftragslage in der Chemie dürfte sich – konjunkturell gesehen – im Jahresverlauf weiter verbessern.“ Danach soll die Produktion um 3,5 Prozent zulegen – ohne den Beitrag der Pharmaindustrie sogar um 5,0 Prozent. Der Gesamtumsatz soll sich um 1,5 Prozent gegenüber Vorjahr verbessern.

Hart ins Gericht ging anlässlich der Bekanntgabe der Halbjahreszahlen VCI-Präsident Markus Steilemann mit der Bundesregierung. Angesichts gravierender Standortnachteile – hohen Energiekosten, Steuern und Bürokratie – sprach der hauptberuflich als CEO des Kunststoffherstellers Covestro amtierende Manager von der „offenkundigen Unfähigkeit der politischen Führung, das Ruder herumzureißen“.

Bei der jüngsten VCI-Mitgliederumfrage im Juni bekundeten 72 Prozent der Unternehmen, dass ihre Betriebsabläufe „schwer“ oder „sehr schwer“ von Bürokratie, schleppenden Genehmigungsverfahren und einer „Flut an neuen Regulierungen“ betroffen seien. Hohe Arbeits- und Energiekosten belasten 55 bzw. 45 Prozent der Unternehmen. Fachkräftemangel und dünne Auftragslage folgen mit 35 und 24 Prozent Zustimmung.

Auslandsinvestitionen legen zu

In der Branche gebe es erkennbar eine Stimmung „gegen den Standort Deutschland“. 2023 seien die Brancheninvestitionen im Inland auf 9,2 Milliarden Euro (-2,0 Prozent) zurückgegangen. Im Ausland hätten die Firmen dagegen gut 8,0 Prozent mehr investiert als im Vorjahr, insgesamt rund 12 Milliarden Euro. Darin spiegele sich zwar nicht durchgängig Standortflucht, wie der VCI-Präsident versicherte. Doch investierten erstmals auch bisher standorttreue Mittelständler „signifikant im Ausland“. Steilemann: „Das ist keine Folklore mehr, sondern Fakt“.

Um die Rahmenbedingungen für Chemie und Pharma zu verbessern, fordert der VCI insbesondere „wettbewerbsfähige Energiepreise durch Entlastungen bei der Stromsteuer und den Netzentgelten“. Der Unternehmenssteuersatz sei mit rund 30 Prozent im internationalen Vergleich zu hoch und auf maximal 25 Prozent zu begrenzen. Um Investitionsanreize zu setzen, sei zudem Bürokratieabbau sowohl auf nationaler wie auf EU-Ebene nötig. (cw)

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