Zwischenbilanz der Aufarbeitungskommission
Universitätsklinikum Saarland entschuldigt sich bei Missbrauchsopfern
Ein pädophiler Assistenzarzt hatte an der Homburger Jugendpsychiatrie Jahre lang Kinder missbraucht. Nun will das Saarländer Uniklinikum Verantwortung übernehmen und mit Betroffenen ins Gespräch kommen.
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Wurde zwischen 2011 und 2014 zum Tatort: Die Kinder- und Jugendpsychiatrie im saarländischen Homburg.
© BeckerBredel / picture alliance
Homburg. Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle am Uniklinikum des Saarlandes (UKS) ist einen entscheidenden Schritt weitergekommen. Viele Jahre nach den Vorfällen bat die Ärztliche Direktorin Professorin Jennifer Diedler öffentlich „im Namen des gesamten Vorstands die Patienten um Entschuldigung“. Das UKS übernehme Verantwortung, wolle mit den Betroffenen ins Gespräch kommen und arbeite an einer Verbesserung der Kommunikations- und Fehlerkultur.
Anlass war eine Zwischenbilanz der Unabhängigen Aufarbeitungskommission (UAK), die sich vor allem mit den Umtrieben des 2016 gestorbenen Assistenzarztes Matthias S. befasst. Der pädophile Arzt war bis 2014 an der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Homburg angestellt, die Verdachtsfälle reichen bis 2011 zurück. Die Eltern seiner mutmaßlichen Opfer erfuhren jedoch erst 2019 und damit Jahre nach ersten Hinweisen und Ermittlungen von den Vorgängen.
Sonderermittler und parlamentarischer Untersuchungsausschuss
Mit dem Skandal hatten sich neben Polizei und Staatsanwaltschaft auch ein Sonderermittler und ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss beschäftigt. Im Gegensatz zu deren Aufklärungsarbeit will die Aufarbeitungskommission „die Kinder als die eigentlichen Opfer und ihre Angehörigen in den Mittelpunkt rücken“, betonte der UAK-Vorsitzende Professor Jörg Ziercke.
Es sei nicht einfach, nach so langer Zeit das Vertrauen der Betroffenen und die Bereitschaft der Eltern zur Mitwirkung zu gewinnen, berichtete der frühere Chef des Bundeskriminalamtes. So habe man trotz über 300 Anschreiben bisher nur elf Betroffene identifizieren können. Matthias Katsch, Kommissionsmitglied und Mitgründer der Organisation „Eckiger Tisch“, zeigte Verständnis dafür, dass viele Familien über das Geschehen nicht mehr reden wollten. Verbindliche Unterstützung und ein Verständigungsprozess mit der UKS könnten jedoch ebenso wie therapeutische Maßnahmen helfen, die erlittene sexuelle Gewalt zu verarbeiten und in die Familienbiografie zu integrieren.
„Ich möchte erfahren, was Betroffene von uns erwarten und wie wir sie unterstützen können“, griff Diedler diese Anregung auf. Die ersten Workshops mit Angehörigen hätten bereits stattgefunden und in einer virtuellen Personalversammlung habe man vor wenigen Tagen den Sachstand dargestellt. Außerdem habe man am UKS ein Schutzkonzept mit klaren Regeln erarbeitet. Wichtig sei auch eine Änderung der Unternehmenskultur hin zu mehr Transparenz und offener Kommunikation.
Täter bahnte Aktivitäten über seinen Judoverein an
Besonderen Nachholbedarf gibt es anscheinend in einem ganz anderen Bereich, nämlich dem Sport. Der Assistenzarzt hatte laut Ziercke seine Aktivitäten häufig über einen Judo Verein angebahnt. Dennoch sei auf etwa 40 Briefe an Familien überraschenderweise keine einzige Rückmeldung eingegangen. Die UAK-Beiratsvorsitzende und frühere Bundesfamilienministerin Dr. Christine Bergmann beklagte, im Sport gebe es große Widerstände, sich mit dem Thema sexueller Missbrauch zu befassen.
Defizite macht die Kommission auch bei der Zusammenarbeit verschiedenster Stellen wie Ärztekammer, Jugendbehörden, Staatsanwaltschaft und Polizei aus. Sie alle hätten über Wissen verfügt, um Gefahren abwehren zu können, indem sie die Klinik als Arbeitgeber über die Hinweise auf die Pädophilie ihres Angestellten informiert hätten. Sie hätten aber stets die Zuständigkeit bei der jeweils anderen öffentlichen Stelle gesehen, beklagte Ziercke. Um einen derartigen „Kreislauf fehlender Verantwortlichkeit“ künftig zu unterbinden, brauche man definierte Prozesse. Möglicherweise verstecke man sich auch manchmal zu Unrecht hinter angeblichen Datenschutz-Regelungen, meinte Katsch. Die Kommission hat deshalb zwei juristische Gutachten in Auftrag gegeben, um Informationspflichten zu klären oder gegebenenfalls Gesetzesänderungen anzuregen.