Unliebsame Urlaubsmitbringsel

Reisekrankheiten auf dem Vormarsch

Malaria, Denguefieber, Chikungunya: Steigende Temperaturen und zunehmender Tourismus sorgen dafür, dass sich Reisekrankheiten ausbreiten – künftig mitunter auch in Europa. Wie Mediziner darauf reagieren und warum sich das Bewusstsein in der Praxis schärfen sollte.

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Es gibt Urlaubsmitbringsel, auf die man gut verzichten kann – Reisekrankheiten etwa.

Es gibt Urlaubsmitbringsel, auf die man gut verzichten kann – Reisekrankheiten etwa.

© monticellllo / fotolia.com

MÜNCHEN/BAYREUTH. Malaria, Chikungunya, Zika: Es gibt Urlaubsmitbringsel, auf die man gut verzichten kann. Doch immer mehr Touristen reisen in Regionen, wo solche Erreger kursieren. Gleichzeitig breiten sich die Überträger solch typischer Reisekrankheiten – vor allem Mücken – durch den Klimawandel aus.

Doch Ärzte hierzulande denken nicht immer an Tropenkrankheiten, wenn sie einen infizierten Patienten vor sich haben. "Es kommt noch nicht so häufig vor, dass man das in der Praxis sieht", sagt Ulrike Protzer, die das Institut für Virologie der Technischen Universität München (TUM) leitet. So breite sich etwa das insbesondere vor den Olympischen Spielen in Brasilien viel diskutierte Zika-Virus inzwischen langsamer aus, sagt Protzer.

Malaria und Denguefieber hingegen zählen laut Robert Koch-Institut (RKI) zu den häufigsten "reiseassoziierten Krankheiten", mit jeweils rund 1000 Fällen im vergangenen Jahr in Deutschland. Afrikanische Staaten wie Nigeria und Eritrea gelten als typische Infektionsländer für Malaria. Wobei das RKI betont, dass die hohe Fallzahl zu einem großen Teil durch Flüchtlinge aus Nordafrika bedingt ist.

Im asiatischen Raum – etwa beliebten Touristenzielen wie Thailand und Indonesien – infizieren sich dagegen viele Patienten mit Denguefieber.

430.000 Malaria-Tote in 2015

Beide Krankheiten können tödlich verlaufen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) starben zum Beispiel 2015 weltweit rund 430.000 Menschen an Malaria. Oliver Hayden vom TUM-Lehrstuhl für Biomedizinische Elektronik hat mit Kollegen bei Siemens einen automatisierten Blutschnelltest entwickelt. Dieser diagnostiziert die Krankheit anhand von 30 Blutwerten mit einer Sicherheit von 97 Prozent. Dafür gab es den Europäischen Erfinderpreis in der Kategorie Industrie.

Um den Bluttest einzusetzen, brauchen Labore nicht einmal neue Geräte: "Die Fülle an Information eines Hämatologie-Automaten wird bisher nur sehr oberflächlich genutzt. Dabei werden 35 Prozent aller klinischen Tests routinemäßig auf hämatologische Parameter geprüft", so Hayden.

In der Regel werde eine Blutprobe aber erst dann gründlich untersucht, wenn ein Blutbild außerhalb der Norm liege. Mit einem speziellen Algorithmus für Malaria überprüft Haydens neuer Schnelltest die Blutwerte auf charakteristische Malaria-Muster. Insbesondere die Blutplättchen liefern wichtige Hinweise auf eine solche Infektion.

Tausende Proben am Tag

"Das ist aber kein Test für den Busch", macht Hayden deutlich. Die Geräte seien für Zentrallabore und sogenannte Hochdurchsatz-Analytik mit Tausenden Proben am Tag ausgelegt. Malaria ist nur ein Beispiel, und es sei abzusehen, dass Laborautomaten in Zukunft viel mehr Krankheiten erkennen könnten. Dies unterstütze die Routinediagnostik an den Kliniken.

Virologin Protzer bestätigt, dass inzwischen mehr zu Tropenkrankheiten geforscht und entwickelt wird. So befasse sich das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung mit neu auftretenden Krankheiten sowie Impfstoffen und breit einsetzbaren Medikamenten. "Denn bei vielen Viruserkrankungen ist es so, dass man vorbeugen, aber hinterher nicht mehr viel machen kann", sagt sie.

Daher sei eine gute Vorbereitung vor einem Urlaub wichtig. "Ich glaube, dass sich viele nicht wirklich überlegen, was sie sich bei einer Safari einfangen können", sagt Protzer. Das gelte auch für viele Städte in Asien. Zugleich warnt sie vor Panik: "Man muss nicht sofort zum Tropeninstitut gehen." Aber Rückkehrer sollten sich vor dem Besuch beim Hausarzt fragen, ob etwa ein Fieber auch mit der jüngsten Reise zusammenhängen könnte.

Klimawandel begünstigt Ausbreitung

Dass solche Überlegungen wichtiger werden, zeigt eine Arbeit der Uni Bayreuth: Am Beispiel des Chikungunya-Virus, das vor allem Asiatische Tigermücken und Gelbfiebermücken übertragen, berechneten Forscher um Carl Beierkuhnlein vom Lehrstuhl für Biogeografie Folgen des Klimawandels. Würde die Erderwärmung ungebremst weitergehen und die globale Mitteltemperatur bis 2100 um etwa 4,8 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zustand steigen, könnte Chikungunya sich in deutlich mehr Weltregionen ausbreiten.

"Das Virus wird dann voraussichtlich bis in die Länder Südeuropas und in die USA vordringen", schreiben die Forscher im Fachblatt "Scientific Reports". "Dieses Szenario ist insofern wahrscheinlicher, als bisher keine globalen Strategien erkennbar sind, die den Klimawandel nachhaltig abschwächen würden", sagt Beierkuhnlein.

"Das ist interessant, weil viele Virusinfektionen und auch Malaria von Mücken übertragen werden", sagt Protzer. Daher sei es wichtig, die Wirkung des Klimawandels auf Reisekrankheiten zu erforschen.

Aber die Bayreuther haben auch Überraschendes herausgefunden: Mit steigenden Temperaturen könnte die Chikungunya-Gefahr in manchen Regionen wie Indien und an den Südrändern der Sahara sinken. Hier könnten die Lebensbedingungen für Stechmücken schlicht zu extrem werden. Ob Touristen aber in solch heiße und trockene Gebiete reisen wollen, ist eine andere Frage. (dpa)

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Kommentare
Thomas Georg Schätzler 16.07.201719:30 Uhr

Wo bleiben Typhus/Paratyphus?

In allen Ländern mit problematischer Trinkwasser-Gewinnung und prekärer Abwasser-Aufbereitung ist Typhus ein großes Problem. Denn selbst der konsequente Gebrauch von abgepacktem oder abgekochtem Wasser hilft nichts, wenn kontaminiertes Wasser und Rohkost (Salate, rohe Meeresfrüchte, kalte Speisen, Eisgetränke) bzw. Hygienemängel in Haushalt, Küche und Restauration zusammentreffen.

In meinem jüngsten Praxisfall kam es im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres in Peru zu einem derartigen Erkrankungsfall. Ich war als Hausarzt davon ausgegangen, dass ein Praktikum in einem örtlichen Sozialen Zentrum mit sicherer Hygiene und Wasserversorgung verbunden war. Tatsächlich war es aber eine Au-pair-Tätigkeit in einer Großfamilie mit einer Favella-ähnlichen Unterkunft (Strohlager). Wasser wurde per Tanklastzug angeliefert und mit einer Chlortablette desinfiziert.

Verschärft wird die Typhus-Problematik dadurch, dass beide Schutzimpfungen (oral) und per injektionem nicht sicher immunisieren können:
"Typhus wird durch Bakterien, nämlich Salmonella typhi, ausgelöst. Die Übertragung erfolgt durch Nahrungsmittel und Wasser, die mit Fäkalien kontaminiert sind.
Risiko der Erkrankung: Auch in Ländern mit erhöhtem Vorkommen von Typhus ist die Übertragungswahrscheinlichkeit bei Pauschalreisen eher gering. Die Erkrankung selbst kann sehr schwer verlaufen.
Art der Impfung: aktiv, Totimpfstoff zur Injektion oder Schluckimpfung (Lebendimpfstoff mit abgeschwächten Bakterien). Die Spritzimpfung steht auch in Kombination mit einer Hepatitis-A-Impfung zur Verfügung.
Impfempfehlung: Gebiete mit erhöhtem Typhus-Vorkommen und niedrigem Hygiene-Standard (insbesondere Indien, Nordafrika) unter einfachen Reise-, Aufenthalts- beziehungsweise Arbeitsbedingungen
Grundimmunisierung: Spritzimpfstoff: Einmaldosis; Schluckimpfstoff: je eine Kapsel am ersten, dritten und fünften Tag. Die Grundimmunisierung sollte je nach verwendetem Impfstoff mindestens zehn bis vierzehn Tage vor Reisebeginn abgeschlossen sein.
Impfschutz: Etwa 60 Prozent der Geimpften sind vor Typhus-Infektionen geschützt. Je nach verwendetem Impfstoff setzt der Impfschutz zehn bis vierzehn Tage nach der Impfung ein. Schutzdauer nach Spritzimpfung circa drei Jahre und nach Schluckimpfung etwa ein Jahr. Auffrischimpfungen bei weiterhin bestehender Notwendigkeit nach Angaben des Herstellers.
Impfabstände: keine bei Spritzimpfung. Bei Schluckimpfung nach der dritten Kapsel mindestens drei Tage Abstand zu Malariamedikamenten, Sulfonamiden und Antibiotika.
Alter: Spritzimpfung ab dem Alter von zwei Jahren möglich. Schluckimpfung ab dreizehnten Lebensmonat zugelassen, aber aufgrund der Kapselgröße unrealistisch."
https://www.tk.de/tk/impfen/reiseimpfungen/typhus/23578

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Bergen aan Zee/NL)

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