Schleswig-Holstein

Studie: Psychopharmaka im Norden ohne Einwilligung verabreicht

Eine wissenschaftliche Untersuchung bestätigt, dass in psychiatrischen Einrichtungen in Schleswig-Holstein bis in die siebziger Jahre Psychopharmaka verabreicht wurden, ohne die Patienten aufzuklären oder um ihre Einwilligung zu bitten. Sozialminister Garg zeigt sich erschüttert.

Dirk SchnackVon Dirk Schnack Veröffentlicht:
Zwischen 1949 und 1975 wurden in Schleswig-Holstein vielen Psychiatriepatienten Psychopharmaka ohne Einwilligung oder Aufklärung verabreicht.

Zwischen 1949 und 1975 wurden in Schleswig-Holstein vielen Psychiatriepatienten Psychopharmaka ohne Einwilligung oder Aufklärung verabreicht.

© peterschreiber.media/stock.adobe.com

Kiel. Psychopharmaka wurden in Psychiatrien und Einrichtungen der Behindertenhilfe bis Mitte der siebziger Jahre ohne Einwilligung und Aufklärung der Betroffenen verabreicht – eine kaum hinterfragte Praxis, die damals weder bei Herstellern, noch bei Trägern der Einrichtungen ethische oder rechtliche Bedenken hervorrief. Dies bestätigt eine wissenschaftliche Untersuchung durch das Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Uni Lübeck, die das Land Schleswig-Holstein im Zuge der Aufarbeitung der Geschehnisse in diesen Einrichtungen in Auftrag gegeben hatte.

Die Untersuchung findet keine Hinweise auf Einwilligungen oder Aufklärungen, die die Wissenschaftler aber als ethisch und rechtlich erforderlich einstufen, auch wenn die Prüfung von Medikamenten bis zur Verabschiedung des Arzneimittelgesetzes von 1976 keinen genaueren Rechtsregelungen unterworfen war.

Hersteller sollen sich an Aufklärung beteiligen

Schleswig-Holsteins Sozialminister Dr. Heiner Garg (FDP) sieht in den Ergebnissen der Studie einen „erschütternden Beleg für das große Leid und Unrecht, das Betroffene erfahren haben.“ Im Sozialausschuss des Landtages sagte Garg: „Auch wenn das Geschehene nicht rückgängig gemacht werden kann, sollten alle Beteiligten oder deren Nachfolger Verantwortung übernehmen, um Betroffene zu unterstützen.“

Garg fordert in diesem Zusammenhang von Pharmaherstellern, „sich ihrer moralisch ethischen Verantwortung zu stellen und sich an der gemeinsamen Aufarbeitung zu beteiligen“. Der Minister sieht die Pharmahersteller genauso in der Pflicht wie das Land, Ärzte- und Richterschaft, Psychiatrien und die Kirche. Er hat den Abschlussbericht deshalb an vier Pharmahersteller gesendet, die laut Landesregierung nachweislich an Medikamentenversuchen vor der Markteinführung beteiligt waren.

Vergleichbare Geschehnisse auch in anderen Bundesländern

Einer breiten Öffentlichkeit waren die Geschehnisse in den Einrichtungen zwischen 1949 und 1975 bekannt geworden, nachdem Betroffene im Kieler Landtag im Rahmen eines Symposiums über die Medikamentenversuche gegen ihren Willen, aber auch über körperliche, seelische und sexualisierte Gewalterfahrungen in diesen Einrichtungen berichtet hatten. Vergleichbare Geschehnisse hat es auch in anderen Bundesländern gegeben, weshalb Bund, Bundesländer und Kirchen 2017 die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ gegründet haben, über die Betroffene noch bis 30. Juni 2021 Unterstützungsleistungen erhalten können.

In Schleswig-Holstein wurden bislang 10,7 Millionen Euro an fast 1000 Betroffene ausgezahlt – bis zu 14 .000 Euro pro Person. Das Land hat weitere 6,2 Millionen Euro über einen Hilfsfonds bereitgestellt, um Betroffenen auch über die Frist hinaus Unterstützung gewähren zu können. Diese Unterstützung ist nach Angaben des Sozialministeriums bundesweit bisher einmalig.
Lesen sie auch
Jetzt abonnieren
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
AMNOG-Verfahren: Plädoyer für ein Update

© Springer Medizin Verlag GmbH

AMNOG-Verfahren: Plädoyer für ein Update

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
In Deutschland gibt es immer weniger klinische Forschung. Was Deutschland hingegen zu leisten imstande ist, zeigte sich zuletzt bei der COVID-19-Pandemie: mRNA-basierte Impfstoffe wurden schnell entwickelt und produziert.

© metamorworks / stock.adobe.com

Handlungsempfehlungen

Deutschland-Tempo statt Bürokratie-Trägheit

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfa)
Alexandra Bishop ist Geschäftsführerin von AstraZeneca Deutschland.

© AstraZeneca

Pharmastandort Deutschland

Deutlich mehr wäre möglich

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfa)
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Versorgung von Privatpatienten

PKV-Vergütung bringt Praxen knapp 74.000 Euro zusätzlich

Lesetipps
Figuren betrachten eine Blatt mit einer Linie, die zu einem Ziel führt.

© Nuthawut / stock.adobe.com

Tipps für die Praxis

So entwickeln Sie Ihre Arztpraxis strategisch weiter