Gesundheitsrisiken

Weitere Lungenforscher nehmen Stellung zu Luftschadstoffen

In die aktuelle Debatte um die Risiken durch Luftschadstoffe mischt sich nun auch das Deutsche Zentrum für Lungenforschung (DZL) ein. Als Fazit kamen 8 Fakten heraus.

Veröffentlicht:

GIEßEN. Nachdem eine Gruppe von rund 100 Pneumologen die Diskussion um Sinn und Unsinn der aktuellen Grenzwerte für Luftschadstoffe eröffnet hat, ebbt das Hin und Her nicht ab. Nun hat bezieht auch das Deutsche Zentrum für Lungenforschung (DZL), eines der sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung, Stellung zu Gesundheitsrisiken von Luftschadstoffen.

Vor dem Hintergrund der anstehenden DZL-Jahrestagung in Mannheim, hat das Zentrum DZL seine Position in acht Punkten festgehalten, wie der Vorsitzende Professor Werner Seeger mitteilt.

Diese 8 Fakten sieht das DZL als wichtig an:

  1. Der gegenwärtig intensiv diskutierte Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid je Kubikmeter Luft beruhe vor allem auf epidemiologischen Studien. Ziel der wissenschaftlichen Fachrichtung Epidemiologie sei es, Langzeitrisiken von Umwelt- und Lebensstilfaktoren für die Bevölkerung zu erkennen und abzuschätzen. Dazu würden große Beobachtungszahlen, verschiedenartige Beobachtungssituationen und komplexe mathematische Modelle, unterstützt durch toxikologische Studien, eingesetzt, um ursächliche Zusammenhänge von zufälligem Zusammentreffen von Ereignissen zu unterscheiden.
  2. Zahlreiche Fragestellungen könnten nur mit den Methoden der Epidemiologie beantwortet werden, da niemand Menschen über Jahre und Jahrzehnte einem „kontrollierten Versuch“ mit Schadstoffexposition aussetzen würde. Auch die Erkenntnis, dass Rauchen gesundheitsschädigend ist, stamme aus epidemiologischen Untersuchungen.
  3. Es bestehe wissenschaftlich kein Zweifel, dass die Belastung mit Luftschadstoffen eine Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung darstelle – nicht nur hinsichtlich Atemwegs- und Lungenerkrankungen, sondern auch im Hinblick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
  4. Es gebe keine Methode, die es einem Arzt ermögliche, an einem lungenerkrankten Patienten festzustellen, inwieweit Komponenten der Luftverschmutzung zu der Erkrankung beigetragen haben.
  5. Die wissenschaftliche Kompetenz des an der WHO angesiedelten hochkarätig besetzten internationalen Bewertungsgremiums stehe außer Frage. Die empfohlenen Richtwerte für die einzelnen Luftschadstoffe hätten das Ziel, das Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung so weit wie möglich zu minimieren.
  6. Der aktuelle Richtwert für Stickstoffdioxid von 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft müsse auch für besonders empfindliche Menschen (u. a. Kinder, ältere Menschen, Patienten mit Lungen- und Herzerkrankungen) im Bereich des Zumutbaren liegen, da sich der Einatmung der Umgebungsluft – 24 Stunden pro Tag – niemand entziehen könne. Dem DZL lägen keinerlei belastbare neue Erkenntnisse vor, die Anlass geben würden, diesen Richtwert gegenwärtig nach oben zu korrigieren.
  7. Der in Deutschland geltende Grenzwert, der sich an den Richtwert-Empfehlungen der WHO orientiere, berücksichtigen auch zusätzliche Faktoren, wie die technische Realisierbarkeit. Es sei eine politische Entscheidung, welche Maßnahmen in welchem Umfang und in welcher zeitlichen Abfolge ergriffen werden, um regionalen Überschreitungen der Grenzwerte zu begegnen. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel müsse selbstverständlich im Auge behalten werden.
  8. In Anbetracht wissenschaftspopulistischer Aussagen sei das „klassische“ Reaktionsmuster der Wissenschaft, wohlüberlegte und ausgewogene Stellungnahmen in ausgesuchten Publikationsorganen anzubieten, vollkommen ins Hintertreffen geraten. Es sei zu überlegen, wie die betroffenen Wissenschaftsorganisationen diesem Phänomen in Zukunft besser vorbereitet begegnen könnten, da politische Entscheidungen auf dem Boden solider wissenschaftlicher Erkenntnisse getroffen werden sollten. (eb)
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Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler 15.02.201919:06 Uhr

Weitere Stellungnahmen zu Luftschadstoffen übersehen wesentliche Aspekte!

Die Stellungnahme des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL), eines der sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung, zu den Gesundheitsrisiken von Luftschadstoffen ist ebenso entlarvend wie die "Schnellschuss"-Expertise von ISEE und ERS:

Nach wie vor kann und will niemand erklären, warum ausgerechnet Diesel-betriebene Fahrzeuge und diese auch noch völlig unabhängig von Größe, Leistung, Verbrauch, Nutzungs-Dauer und -Einsatz, LKW, BUS, PKW, Großraum-Limousine oder Nutzfahrzeug bzw. die Automobilität insgesamt im individuellen Straßenverkehr für bestimmte Emissionen und Immissionen allein verantwortlich gemacht werden sollen.

„Die Rolle der Luftschadstoffe für die Gesundheit“ -
"Eine Expertise im Namen der Internationalen Gesellschaft für Umweltepidemiologie (ISEE) und der European Respiratory Society (ERS)"
http://www.isee-europe.com/uploads/1/1/7/1/117162855/rolle_der_luftschadstoffe_f%C3%BCr_die_geundheit_expertise_isee_ers_final.pdf
unterschlägt ebenso wie die DZL-Stellungnahme derartige Differenzierungen und entwertet sich mit z. T. pseudologischen Argumentationen selbst:

Mit „Feinstaub sind Partikel kleiner als 10 Mikrometer, die vielfältige Quellen haben. Feinstaub wird durch Kraftfahrzeuge, Kraft- und Fernheizwerke, Öfen und Heizungen in Wohnhäusern, sowie Industrieanlagen erzeugt, die unmittelbar Partikel freisetzen. Zusätzlich stoßen diese Quellen auch die gasförmigen Vorläuferschadstoffe Schwefeldioxid und Stickoxide aus und Ammoniakemissionen der Landwirtschaft tragen ebenfalls zur Bildung von Feinstaub in der Atmosphäre und damit zur Belastung bei. Feinstaub hat auch einen natürlichen Ursprung, beispielsweise als Folge von Bodenerosion oder Freisetzung von Partikeln durch Pflanzen und Mikroorganismen“ wird deutlich, dass Kraftfahrzeuge nur einen Bruchteil der Emittenten ausmachen können.

Auch das eingangs erwähnte „Ozon entsteht in Bodennähe bei intensiver Sonneneinstrahlung durch photochemische Prozesse aus Vorläuferschadstoffen – überwiegend Stickstoffoxiden und flüchtigen organischen Verbindungen“ ist damit offensichtlich eher ein „Schönwetterphänomen“?

Ebenfalls in der Einleitung wird berichtet: „Stickstoffoxide (Stickstoffmonoxid und Stickstoffdioxid) entstehen bei Verbrennungsprozessen. Die Hauptquellen von Stickstoffoxiden sind Verbrennungsmotoren und Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle. In Ballungsgebieten ist der Straßenverkehr die bedeutendste Quelle. Stickoxide sind wichtige Vorläufer von Ozon und tragen zur Bildung von Feinstaub bei.“

Wenn allein „der Straßenverkehr die bedeutendste Quelle“ in Ballungsgebieten sein sollte, unterstellt dies dortselbst paradoxerweise die geballte Abwesenheit von Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle. Das ist aber nicht der Fall.

Und im Gegensatz zu Emissions-nahen Umweltmessstationen bis zu 6 Meter vom Straßenrand und mindestens 25 Meter von einer verkehrsreichen Kreuzung entfernt, befinden sich in Höhe der Abluftöffnungen von derartig vergleichbaren Feuerungsanlagen in Ballungsgebieten keinerlei Messstationen.

Die in der ISEE/ERS-Expertise genannten Fragestellungen:
- „Wie wirken die Luftschadstoffe Feinstaub, Ozon und Stickstoffdioxid auf die Lunge?“
- „Wie werden die Wirkungen der Luftschadstoffe in wissenschaftlichen Studien untersucht?“
- „Welche Krankheiten werden durch die Luftschadstoffe verursacht?“
- „Sind die Wirkungen der Luftschadstoffe unabhängig voneinander?“
waren nicht wirklich Gegenstand der kritischen Stellungnahme von Dieter Köhler et al.
https://www.lungenaerzte-im-netz.de/fileadmin/pdf/Stellungnahme__NOx_und__Feinstaub.pdf

- „Wie werden die Empfehlungen für Richtwerte abgeleitet?“
- „Wie werden aus Empfehlungen Grenzwerte?“
belegen m. E. eindeutig ordnungspolitische Vorgaben: In dem systematisch und gezielt bestimmte Emittenten ausgeblendet werden, deren Umweltverträglichkeit nicht mal im Ansat

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